Berlin : Als hätte es ’68 nie gegeben: FU feiert wieder traditionell

Der neue Präsident wird mit einer Amtskette eingeführt, die 1969 im Museum landete

Amory Burchard

Die Freie Universität will erstmals seit 1969 die Amtskette des Rektors wieder aus dem Schrank holen. Wenn der bisherige Präsident Peter Gaehtgens am Freitag seinem Nachfolger Dieter Lenzen sein Amt offiziell übergibt, geht auch die historische Kette – 1948 zur Gründung der Freien Universität (FU) geprägt – feierlich von Hand zu Hand. Eine solche traditionelle Amtsübergabe hat es seit der Studentenrevolte nicht mehr gegeben. Zu Recht, sagt der emeritierte FU-Jurist Uwe Wesel. Als er 1969 Vizepräsident wurde, habe er die Amtskette und die Talare der Professoren gemeinsam mit dem Präsidenten Rolf Kreibich als Symbol der autoritär geprägten Uni „ins Museum gesteckt“.

Hamburger Jura-Studenten prägten damals das Protest-Motto: „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren.“ Bevor Kreibich die Insignien professoraler Macht ins Archiv trug, habe er die Amtskette zum Spaß umgelegt. „Wir haben furchtbar gelacht“, erinnert sich Wesel. Dass Lenzen die Tradition nun wiederbeleben will, nennt Wesel „einfach lächerlich“. Fürchtet er, der neue Mann an der Spitze der FU sei reaktionär? „Nein“, sagt Wesel, „das ist wohl nur Eitelkeit.“ Er traue Lenzen zu, bald auch die eingemotteten Talare aus dem Archiv zu holen.

Der neue Präsident betont aber, er wolle „keineswegs zurück zu alten Zeiten“. Einen Talar wolle und werde er nicht tragen. Lenzen wird die Amtskette auch nur in die Hand nehmen und sie sich nicht umhängen lassen: „So ein Akt kann auch leicht clowneske Formen annehmen.“ Die Kette ist für Lenzen ein Symbol des Übergangs – zu einer Ära unter einem neuen Präsidenten. „Neue Zeiten brauchen neue Riten, Riten brauchen Zeichen“, sagt er. Außerdem trage die Amtskette „die drei Begriffe, die uns so wichtig sind: veritas, iustitia, libertas". Um Wahrheit, Recht und Freiheit also geht es Lenzen – und nicht um eine neue Prächtigkeit.

An der Humboldt-Universität hegt man weniger Berührungsängste mit alten Insignien. Dort gehört die Amtskette fest ins Ritual der Präsidentenkür. Und 1990 ordnete der letzte DDR-Wissenschaftsminister sogar an, beim ersten Rektorenwechsel nach der Wende Talare zu tragen. Eine Tradition wurde daraus nicht.

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