Berlin : Alternative Lebensformen und türkische Kultur - Seit die Mauer fiel, tost der Verkehr

Johannes Metzler

Die Tür steht sperrangelweit offen. Den Geruch von Bratfett allerdings bekommt Franc Perne so nicht weg - und irgendwie gehört der ja auch dazu. Draußen auf dem Bürgersteig steht seine Speisekarte: Pommes, Currywurst, Schnitzel. Doch das besondere an dem kleinen Imbiss, den er hier seit sieben Jahren betreibt, ist neben dem hausgemachten Ketchup vor allem der Ort: Die Würstchenbude befindet sich in einem liebevoll gestalteten Zwiebelturm, der Teil des unter Denkmalschutz stehenden Bahnhofsgebäudes ist. Erker, Arkaden und Glockenhaube - der U-Bahnhof Schlesisches Tor sollte reizvoll aussehen, um den skeptischen Berlinern das Verkehrsmittel Hochbahn - eingeführt um die Jahrhundertwende - schmackhaft zu machen. Anwohnerproteste wegen des Lärms ließen damals trotzdem nicht lange auf sich warten, und noch heute quietscht und rattert es, wenn die U-Bahn sich auf ihrem Weg zum Bahnhof Warschauer Straße langsam in die Kurve legt.

Doch längst ist die U-Bahn nicht mehr das größte Übel am Schlesischen Tor. Denn seit der Öffnung der nahe gelegenen Oberbaum-Brücke führt hier eine der wichtigsten Ost-West-Verkehrsadern der Stadt vorbei. Wer an der Straße stehenbleibt, um Autos und Schwerlastern zuzusehen, wie sie sich in einer Reihe am Bahnhof vorbeischlängeln, kann sich kaum vorstellen, dass auf demselben Pflaster vor gar nicht so langer Zeit einmal Fußball gespielt wurde. Das war vor der Wende, und viel von dieser charmanten Kreuzberger Beschaulichkeit ist in der Zwischenzeit verloren gegangen. Im Schatten der Mauer gelegen, gehörte das Viertel am Schlesischen Tor einst zu den buntesten Teilen Berlins: Alternative Lebensformen gediehen hier neben türkischer Kultur, und die typische Mischung von Gewerbe und Wohnen war besonders ausgeprägt. Das Flair zog auch viele linke Studenten an - "Rebellion ist berechtigt", hat irgendwann einmal jemand mit einer Schablone an eine Wand in der Sorauer Straße gesprüht, daneben prangt das Konterfei von Mao.

Im schräg gegenüber vom Bahnhof gelegenen "Oberbaum-Eck" kann man einen Blick in die noch weiter zurückliegende Vergangenheit werfen: An der Wand hängt die Vergrößerung einer Fotografie aus dem Jahre 1922. "Sehen Sie", sagt Wirtin Margit Greller, "das war hier schon immer eine Schultheiß-Kneipe." Die Litfass-Säule vor dem Haus ist verschwunden, und dort, wo sich jetzt eine kleine Grünfläche befindet, stand vor dem Krieg noch ein Haus. Der Tradition möchte Greller, die das "Oberbaum-Eck" vor rund 20 Jahren von ihrem Bruder übernahm, treu bleiben. Und so stehen wie eh und je Matjesfilets nach Hausfrauenart und Berliner Eisbein auf der Karte - dazu gibt es natürlich Schultheiß-Bier. Nach der Wende, erzählt sie, hätten sich viele Architekten und Ingenieure in der Gegend ein Büro gesucht und seien oft zum Mittagstisch vorbeigekommen - "aber die meisten sind schon wieder weg."

Aus dem Viertel gar nicht wegzudenken sind die vielen Menschen nicht-deutscher Herkunft, die hier seit langem zu Hause sind. Sie stellen fast die Hälfte der Bevölkerung. Für die erste Generation von türkischen Einwanderern war die Gegend um das Schlesische Tor wegen der niedrigen Mieten attraktiv, die durch die grenznahe Lage und den oft miserablen Zustand der Wohnungen bedingt waren. Aber eigentlich beginnt die Geschichte von Fremden, die in der Gegend heimisch wurden, gar nicht in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts, sondern schon viel früher.

In den Jahren nach 1880 ließen Spekulanten im ländlich geprägten Dreieck zwischen Spree, Landwehrkanal und dem heutigen Görlitzer Park Häuser bauen, und die Straßennamen erinnern noch heute an die Menschen, die hierher kamen: die Oppelner Straße etwa erhielt ihren Namen nach der oberschlesischen Stadt Oppeln (polnisch Opole). Die Beweggründe der Schlesier, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts nach Berlin kamen, unterschieden sich kaum von denen der türkischen Migranten, die ihnen eines Tages folgen sollten. Es war die zunehmende Armut auf dem Lande und der Traum von einem besseren Leben in der Stadt, für den sie ihre Heimat verließen. In die Gegend ums Schlesische Tor brachten sie - ähnlich wie später die Türken - eigene Bräuche und Traditionen mit, und viele ländliche Gewohnheiten hielten sich noch eine Weile im Quartier. Fünf Prozent der Berliner Bevölkerung, so ist überliefert, war im Jahre 1845 schlesischer Herkunft. Ein paar Jahre später sind es wahrscheinlich viel mehr gewesen - so kursierte das Gerücht, dass jeder zweite Berliner in Wahrheit ein Schlesier sei.

Heute sind Schlesisches Tor und Umgebung ein sozialer Brennpunkt Berlins. "Über 30 Prozent der Bevölkerung ist auf staatliche Unterstützung angewiesen", weiß Jutta Keseberg-Günükutlu vom Quartiersmanagement. Eine weit überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit und Alkoholismus seien drängende Probleme im Kiez. Zwischen der alternativen Szene, die in der Gegend nach wie vor zu Hause sei, und der türkischen Bevölkerung gebe es zwar durchaus Anknüpfungspunkte. Die Deutschen aber schickten ihre Kinder nicht auf die Oberschulen im Kiez, sondern in andere Bezirke. In der Schule an der Skalitzer Straße, in unmittelbarer Nachbarschaft des Quartiersbüros, seien darum mittlerweile nahezu alle Schüler Ausländer - und die fehlende Mischung ziehe gravierende Sprach- und Integrationsprobleme nach sich. Ganz schwarz sieht sie die Zukunft trotzdem nicht: "Die Bereitschaft, etwas für den Kiez zu tun, ist sehr hoch", hat sie festgestellt, "es gibt hier unheimlich viele Initiativen."

Zu den Menschen, denen der Kiez ans Herz gewachsen ist, gehört die Inhaberin eines kleinen Naturkostladens in der Köpenicker Straße. Sie schimpft zwar lauthals gegen steigende Kriminalität, Drogenkonsum und Verwahrlosung. Ihr Geschäft muss ums Überleben kämpfen, weil den Anwohnern zunehmend das Geld für teure Ökokost fehlt: "Hier wird jeder Pfennig umgedreht." Wenn man jedoch auf die Idee kommt, ihr den Neuanfang in einem anderen Bezirk vorzuschlagen, spricht aus ihrem Blick eine Mischung von Unverständnis und Empörung. "Entschuldige mal", erwidert sie unwirsch, "ich wohne hier doch seit zwanzig Jahren."

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