Berlin : Alternative suchen Alternative

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Von Frank Thadeusz

Luxus? Ist so was wichtig für jemanden, der jeden Tag in einem Bauwagen lebt? „Klar“, meint ohne zu zögern Michael Scheunemann, einer von 20 Bewohnern des Wagenburg-Projektes „Schwarzer Kanal". „Luxus ist der für 30 000 Euro ausgebaute Wagen von Circus Krone, den ich in einer Zeitung gesehen habe". Und Luxus sei auch das schöne Wassergrundstück im ehemaligen Sperrgebiet an der Schillingbrücke zwischen Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg, auf dem er und seine Wagennachbarn und Freunde leben.

Wenn den so genannten Rollheimern dieser Tage jedoch nicht danach ist, im Luxus zu schwelgen, dann aus gutem Grund: Die rund 1800 Quadratmeter mit Spreeblick, auf denen sie sich gemütlich eingerichtet haben, sollen bis Juli 2004 in eine beschauliche Uferpromenade verwandelt werden. Das sehen die Pläne der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi vor, die zu diesem Datum vor Ort ihre neue Bundeszentrale eröffnen möchte. Nun droht dem „Schwarzen Kanal“ der totale Bildausfall, denn innerhalb von vier Wochen müssen die Wagenbewohner das Areal räumen. Doch die denken nicht dran: „Der Bau der Bundeszentrale ist keineswegs notwendig. Verdi verfügt selbst über diverse Bürogebäude der Einzelgewerkschaften“, argumentieren sie und reklamieren für sich ältere Rechte. „Die Wagenburg an der Schillingbrücke gibt es bereits seit 12 Jahren. Aber jetzt kommen die Leute von Verdi und zeigen überhaupt keinen Respekt vor uns“, moniert Michael Scheunemann. Im „Plenum“ der Kanalbewohner ist man sich einig: Ohne passendes Alternativangebot werde man das liebgewonnene Heim nicht aufgeben.

Tatsächlich gehört das insgesamt etwa 10 600 Quadratmeter große Gelände, auf dem die Bundeszentrale entstehen soll, seit 1990 der Hochtief-Tochter Alex-Bau GmbH. Die tüftelt derzeit gemeinsam mit der Kilian Projektmanagement GmbH an einer Lösung des Problems. „Wir müssen friedlich miteinander umziehen, nicht mit Blaulicht“ , lautet denn auch Jürgen Kilians Parole in dem sich anbahnenden Konflikt. Bereits mehrere Angebote für Alternativstandorte hätten die beiden Partnerfirmen den Wagenburgbewohnern gemacht, doch die schlugen die Offerten jeweils aus.

„Wir haben hier ein Varieté aufgebaut, das im Kiez fest verankert und sehr erfolgreich ist. Das kann man nicht so einfach hier rausreißen“, begründet Michael Scheunemann. Plätze in Stralau oder Lichtenberg kämen für den Schwarzen Kanal nicht in Frage. Statt dessen verweist er auf „alternative Bebauungspläne“, die auf eine Integration der Wagenburg ins Landschaftsbild abzielen.

Jürgen Kilian hat solche Vorschläge unter dem Stichwort „Sozialromantik“ abgebucht. Trotzdem telefoniert er in diesen Tagen mächtig viel rum, um möglicherweise „Wunschplätze“ der Wagenburg-Herren an der Kiefholzstraße in Treptow oder an der Köpenicker Straße in Kreuzberg zu mieten. Kilian: „Wir sind bereit, beim Umzug zu helfen, und werden auch beim Anmieten eines Geländes eine Lösung finden“, sagt er. Auf eine Summe möchte er sich nicht festlegen lassen. Denn die Hilfsbereitschaft kennt Grenzen: „Es kann nicht sein, dass der, der sich kümmert, der Doofe ist und das Problem an der Backe kleben hat.“ Vielmehr seien auch der Senat und die Bezirke aufgerufen, den Liegenschaftsfonds nach geeigneten Grundstücken zu durchforsten.

Eine Einschätzung, die Ralf Hirsch keineswegs teilt. Der Beauftragte für Hausbesetzungen und Wagenburgen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung pocht auf die Eigenverantwortung der Wagenburgbewohner: „Dass wir zur zivilrechtlichen Nutzung Grundstücke vergeben, ist nicht üblich".

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