Berlin : Am Rand der City lebt man am schlechtesten

Johannes Metzler

Die "soziale Stadtentwicklung" solle künftig stärker in den Vordergrund seiner Politik rücken - dies hatte Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) nach den letzten Wahlen angekündigt. An Aktualität hat das selbst gesteckte Ziel offenbar nicht verloren: Aus dem am Donnerstag veröffentlichten Sozialstrukturatlas geht hervor, dass sich an der Verteilung von Arm und Reich im Berliner Stadtgebiet seit 1997 nichts Grundsätzliches geändert hat. Um Berlins Mitte liegt nach wie vor ein Gürtel von sozial benachteiligten Stadtteilen mit hoher Arbeitslosigkeit, einem hohen Anteil von Sozialhilfeempfängern und Ausländern sowie Bewohnern mit verhältnismäßig geringer Lebenserwartung. Es sind vor allem Wedding, Tiergarten, Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain und Prenzlauer Berg, die den Politikern Kopfschmerzen bereiten. Die Ergebnisse zeigen gegenüber der erstmals 1998 vorgelegten Analyse nur graduelle Veränderungen - das Schlusslicht unter den Bezirken ist im Bezug auf die soziale Lage ebenso wie damals Kreuzberg, während Zehlendorf nach wie vor den ersten Platz belegt. Nicht neu ist auch, dass die Stadt Einwohner verliert - nach wie vor ziehen viele Berliner ins grüne Umland.

Die Statistik, die einen detaillierten Blick in einzelne Straßenzüge ermöglicht, ist allerdings unter Vorbehalt zu lesen. Einerseits beruht der Sozialstrukturatlas auf Daten, die bereits 1998 erhoben wurden - trotzdem behaupten die Verfasser, die Studie sei "sehr aktuell". Andererseits ist das knapp 250 Seiten dicke Kompendium eine Arbeit, die mit Zahlen jongliert. Einzelne Kieze werden in akribisch klassifiziert und anhand von Faktoren in ein "Ranking" gebracht, das die Realität vor Ort beschreiben soll - und ihr damit gleichzeitig, wie bei Statistiken oftmals der Fall, nicht immer gerecht wird.

In einigen Kiezen, die in der Untersuchung besonders schlecht abgeschnitten haben, hat der Senat bereits seit Ende 1998 mit der Einrichtung von Quartiersmanagements begonnen - etwa im Neuköllner Rollbergviertel oder am Boxhagener Platz in Friedrichshain. Noch ist unklar, ob dieses stadtpolitische Instrument die Zuspitzung der sozialen Lage und den Wegzug von Familien, den die Sozialstudie ausführlich belegt, stoppen kann. Rasche Veränderungen durch das Programm werden aber ohnehin nicht erwartet - insofern hätte wohl auch eine aktuellere Untersuchung nur unwesentlich andere Erkenntnisse über die Brennpunkte geliefert. Experten rechnen damit, dass das Quartiersmanagement erst nach zehn Jahren deutliche Auswirkungen zeigen kann. Nicht nur deswegen ist die Maßnahme umstritten: 300 000 Mark jährliche Verwaltungs- und Personalkosten verschlingt jedes der zurzeit 15 Vor-Ort-Büros. Monica Schümer-Strucksberg, Leiterin des zuständigen Ressorts bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, sieht dennoch erste bescheidene Erfolge - statistisch belegbar sind aber sie nicht: "Am Kottbusser Tor etwa hat sich schon einiges verändert, allerdings muss man das von innen betrachten." Beispielsweise habe der Drogenkonsum in den Hausfluren abgenommen. Nach ihren Angaben steht für das Quartiersmanagement noch bis zum Jahr 2006 Geld aus Töpfen der EU und des Bundes zur Verfügung.

Vorsicht ist bei der Studie auch mit vorschnellen Rückschlussen geboten - etwa bei den Gesundheitsdaten, die den Eindruck erwecken könnten, das Leben in Problemgebieten mache krank - vielmehr sind es oftmals individuelle soziale Umstände, die die Gesundheit ruinieren, und diese häufen sich in Problemgebieten. Vorgerechnet wird, dass hier überdurchschnittlich viele Menschen an Lungenkrebs erkranken - wahrscheinlich aufgrund des hohen Anteils von Rauchern in der Bevölkerung. Statistiken zum Zigarettenkonsum Berliner Schüler legen allerdings einen engen Zusammenhang mit dem sozialen Status nahe. Während etwa an Hauptschulen fast jeder zweite Jugendliche regelmäßig raucht, liegt die Quote an Gymnasien deutlich unter 20 Prozent. Derartige Verbindungen beleuchtet der Atlas ausführlich; über die Folgen einer unterentwickelten sozialen Infrastruktur hingegen - etwa schlechte Ausstattung der Krankenhäuser, fehlende Angebote für Jugendliche - geben die Wissenschaftler keine Auskunft.Die Bezirke im Internet

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