Berlin : Amerikanische Botschaft: Gedenken hinter Absperrungen

Sigrid Kneist

Ein schlichter Tisch und ein Stuhl sind auf der Fahrbahn aufgebaut. Dahinter weht das Sternenbanner. Hier liegt das Kondolenzbuch aus, in das sich am Nachmittag zunächst Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Ehefrau Doris Schröder-Köpf eintragen. Schröder ist in Begleitung des amerikanischen Botschafters Daniel Coats gekommen, trägt sich kurz ein und kehrt dann wieder um. Anschließend können sich die Berliner eintragen und der Opfer gedenken. Bis Freitag haben sie dazu Gelegenheit. Der Tisch mit dem Buch steht unter einem blauen Zeltdach aber in einem großen Sicherheitsabstand zur US-Botschaft.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Die Neustädtische Kirchstraße in Mitte, an der die Botschaft liegt, ist weiträumig von der Polizei abgesperrt. Auch über die Zugänge unter anderem von der Dorotheenstraße her ist kein Herankommen. An sämtlichen rot-weißen Sperrgittern liegen Blumengebinde, stehen brennende Kerzen. Eine amerikanische Flagge trägt Trauerflor. An der Ecke Neustädtische Kirchstraße Unter den Linden haben sich mehrere hundert Menschen zum Gedenken versammelt. Viele wollen sich jetzt auch in die Kondolenzlisten eintragen. Immer wieder überreichen Männer und Frauen den Polizisten ihre Blumengebinde, die dann weiter nach vorne an die Absperrungen getragen werden. Die Stimmung ist gedrückt und nachdenklich. Viele junge Menschen sind gekommen. Manche haben Transparente dabei: "Zum Gedenken an die Opfer", "Heute sind wir alle New Yorker" oder "Beileid für die Opfer". Ein junges palästinensisches Paar trägt ein Transparent: "Palästina trauert". Für Mohammed Ibrahim und seine hochschwangere Frau Nivine war es eine Selbstverständlichkeit, dorthin zu kommen und ihr Entsetzen über die Attentate zu dokumentieren. Die beiden müssen sich aber immer wieder Diskussionen über die Fernsehbilder von feiernden Palästinensern in Jerusalem stellen.

Ein junger Mann reicht einen Strauß weiße Rosen nach vorne: "Ich kann es einfach nicht fassen." Er hat zum Zeichen der Trauer eine schwarze Krawatte angelegt. Ein anderer widmet den ganzen Tag dem Gedenken an die Opfer der Terroranschläge. Wesentlich ruhiger als an der amerikanischen Botschaft ist es am Amerikahaus an der Hardenbergstraße in Charlottenburg. Auch dieses Gebädue, das sonst für den Publikumsverkehr geöffnet ist, bleibt an diesem Tag geschlossen. Die Sperrungen sind nicht ganz so umfangreich wie in Mitte, doch auch hier sind die weiß-roten Gitter aufgestellt, und einige Polizisten mit Maschinenpistole halten Wache. Hier, wo in den Zeiten der APO und des Vietnamkriegs antiamerikanische Kundgebungen stattfanden, liegen ebenfalls weiße Rosen und Gladiolen, Nelken und Chrysanthemen. Drei Schülerinnen vom nahe gelegenen Schiller-Gymnasium haben sich extra für diesen Ort des Gedenkens entschieden. Sie haben ein weißrosa Gesteck niedergelegt - aus Respekt vor den Opfern. Zuvor waren sie schon beim Gottesdienst in der Hedwigskathedrale und an der amerikanischen Botschaft. "Dort war aber ein solcher Rummel, dass man gar nicht zur Ruhe kommen konnte", sagt Noëlle Tainz. Gemeinsam mit ihren Klassenkameradinnen Janina Feldman und Anja Kern haben sie dann lieber die Andacht in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche aufgesucht, wo seit Dienstagabend halbstündlich Friedensgebete abgehalten werden.

In der Kirche ist es ruhig, gibt es kein Gedränge, aber zwischen 80 bis 300 Leute finden sich auch dort jeweils ein. Für die drei Schülerinnen ein angemessenes Gedenken. Statt Unterrichts war den Schülerinnen freigestellt worden, einen Gottesdiest zu besuchen. "Trauer und Entsetzen, Schrecken und Verzweiflung, das sind die Gefühle die uns bewegen", sagt Pastor Knut Soppa in der Gedächtniskirche, und 100 Menschen senken ihre Köpfe zum Gebet.

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