Berlin : An der richtigen Adresse

von

Auf der gelben Eingangstür mit dem Bullauge klebt das Schild „Bürogemeinschaft des Trägerverbundes Independent Living e.V. und des UCR-Unternehmensverbundes e.V.“ In den Büroräumen, soweit diese durch die großen Fenster im Innenhof der Immanuelkirchstraße 20 in Prenzlauer Berg einsehbar sind, reiht sich ein Schrank mit Aktenordnern an den nächsten, Ablagekästen stapeln sich, ein paar Menschen arbeiten konzentriert an Computern. Hier scheint es viel zu tun zu geben, und ein Blick auf einen Zettel am dazugehörigen Briefkasten zeigt auch, warum: Ganze 33 Vereine, gGmbHs und GmbHs sind darauf zu lesen.

Ganz oben steht der Trägerverbund Independent Living e.V. Ein Verbund freier Jugendhilfeträger, die in Berlin vor allem in Tempelhof-Schöneberg, Pankow und Mitte tätig sind und rund 700 Mitarbeiter beschäftigen sollen. Zurzeit gehören dem Verbund etwa 15 Mitgliedsorganisationen – Vereine und gGmbHs – in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt an. In vier dieser Organisationen steht Andreas Spohn als Geschäftsführer an der Spitze. Er ist 50 Jahre alt, Vorsitzender der SPD-Fraktion in Frankfurt/Oder, Mitglied des Hauptausschusses und stellvertretender Vorsitzender des Verbandsrats beim Landesverband Brandenburg e.V. des Paritätischen Wohlfahrtsverbands.

Und Spohn ist auch Vorsitzender des Trägerverbundes Independent Living. „Das ist aber erst mal gar kein Problem, solange der Vereinsvorstand demokratisch organisiert ist und Entscheidungen nach dem Mehrheitsprinzip getroffen werden“, sagt Oswald Menninger, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin, wo der Trägerverbund Mitglied ist. Tatsächlich stehen Spohn im Vorstand zwei stellvertretende Vorsitzende und ein Berater zur Seite. Der heißt Jann Ansorge, ist neben Spohn Geschäftsführer in einer der Mitgliedsorganisationen und fungiert nach dem, was ein derzeitiger und zwei ehemalige Mitarbeiter berichten, nicht bloß als Berater. „Die wichtigen Entscheidungen treffen nur zwei Personen – Ansorge und Spohn, wobei der die Organisation vor allem nach außen vertritt. Der wahre Boss ist Ansorge. Die anderen Mitglieder auf Leitungsebene nicken bloß alles ab“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben will. Denn solche Druckmittel scheinen zum Unternehmensalltag bei Independent Living zu gehören, wie die Gewerkschaft Verdi bereits im August 2009 kritisierte.

Nils Krausemann, der von 1994 bis 2004 in Frankfurt/Oder bei Jugendeinrichtungen von Independent Living tätig war, bestätigt die Praxis der schnellen Kündigungen. Auch ihm wurde 2004 gekündigt. Krausemann hat gegen seine Kündigung geklagt, in erster und zweiter Instanz gewonnen und eine Abfindung bekommen. Auch für ihn sind Spohn und Ansorge die entscheidenden Leute.

Ein Mittel, um Mitarbeiter gefügig zu halten, sollen die sogenannten Verträge „plus x“ sein. So hat zum Beispiel ein Sozialarbeiter einen Vertrag über eine wöchentliche Arbeitszeit von 20 Stunden „plus x“, der je nach Bedarf erhöht werden kann. „Wenn jemand bei den Chefs aneckt, landet er ganz schnell bei einer Stundenanzahl, von der er seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten kann“, sagt Krausemann. Damit sind die Vorwürfe der Mitarbeiter an Independent Living, zu denen man sich dort trotz mehrfacher Nachfragen des Tagesspiegels bisher nicht geäußert hat, nicht beendet. Das hat damit zu tun, dass in der Immanuelkirchstraße 20 im rechten Seitenflügel nicht nur das Büro von Independent Living zu Hause ist, sondern auch das vom „Serviceverbund UCR – Dienstleistungen für soziale Einrichtungen und Betriebe e.V.“.

Der Vorstand des UCR-Verbunds ist Ansorge, der Berater – und nach mehreren dem Tagesspiegel vorliegenden Aussagen „wahre Chef“ – des Trägerverbunds Independent Living. Er ist auch Geschäftsführer bei drei der sechs UCR-Mitgliedsorganisationen, bis auf einen eingetragenen Verein alle GmbHs. Auf der Homepage von UCR kann man aufgrund der angegebenen „Referenzen“ den Eindruck gewinnen, dass UCR vor allem einen Auftraggeber hat: Den Trägerverbund Independent Living e.V. Heike Spies von Verdi beanstandet, dass bei solch undurchschaubaren Unternehmenskonstrukten so gut wie nicht mehr kontrollierbar sei, wo die öffentlichen Gelder eigentlich hinfließen. „Manches mag legal sein, ist aber moralisch höchst fragwürdig. Ein beliebter Trick ist auch, hohe Beraterhonorare an die eigenen Leute zu zahlen, um die Einnahmen zu minimieren und so den gemeinnützigen Status nicht zu verlieren“, sagt Spies.

Ein Besuch an der Anklamer Straße 8, wo sich die Geschäftsstelle von Independent Living – Jugendwohnen in Berlin-Mitte gGmbH und ein von Independent Living geführtes Jugendwohnhaus und Jugendcafé befinden, verstärkt den Eindruck, dass die Unternehmensstruktur verworren ist. Im Hausflur hängt ein Zettel vom 1.11.2009 mit einem Hinweis für den Postboten, dass sich der Briefkasten für die gGmbH „ab sofort in der Strelitzer 69 gleich um die Ecke“ befindet. Auf den Klingelschildern an der Haustür ist von Independent Living allerdings nichts zu lesen. Wohl aber gibt es eine Klingel für „UCR Communication – Telekommunikation, Netzwerke, Projektrealisierung GmbH“, eine Mitgliedsorganisation des Serviceverbunds UCR e.V., die im Souterrain ein Büro betreibt. Im Eingangsbereich hängt ein Schild, auf dem zwei weitere Firmen zu lesen sind: Die BB Hausservice GmbH und die HK Hausservice GmbH, deren Geschäftsführer identisch mit dem der „UCR Communication“ ist. Beide Firmennamen wiederum finden sich auf dem Briefkasten der Bürogemeinschaft in der Immanuelkirchstraße 20.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband, bei dem der Trägerverbund Independent Living e.V. Mitglied ist, hat den Verbund aufgefordert, zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen und Transparenz zu schaffen. „Soweit wir informiert sind, will Independent Living in den nächsten Tagen eine Pressekonferenz abhalten“, sagt Sprecherin Elfi Witten. Bei Independent Living selbst wusste man bei Rückfrage des Tagesspiegels davon nichts.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben