Berlin : Andersrum WM gucken

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Nana Heymann

Auf die korrekte Aussprache kommt es nicht an, ebenso wenig wie auf die gesanglichen Fähigkeiten. Hauptsache, man singt mit. Gegen textliche Engpässe hilft der Zettel, der unter den Gästen verteilt wurde. Nur für den Fall, dass sie beispielsweise die angolanische Nationalhymne nicht auswendig können. Kann ja mal vorkommen. Auf den ersten Blick ist es nicht viel, was die WM-Lounge im Kino „International“ in Mitte an der Karl-Marx-Allee von anderen unterscheidet. Erst wenn ein Tor fällt und sich dann im Überschwang der Gefühle zwei Frauen innig küssen, fällt auf: Es sind zumeist gleichgeschlechtliche Pärchen, die hier im International die Fußball-WM gemeinsam verfolgen.

„Gaywatch“ heißt dann auch passenderweise der Titel dieser Veranstaltungsreihe in dem mit Discolichtern ausgeleuchteten Raum im Erdgeschoss des Kinos. Homosexuelle und Fußball – wer dabei an unvereinbare Gegensätze denkt, der wird bei „Gaywatch“ enttäuscht. Vergebene Torchancen werden nicht mit Bemerkungen zum äußeren Erscheinungsbild eines Spielers kommentiert. Genauso wenig wie schöne Tore mit überdreht nasalen Geräuschen bejubelt werden. Stattdessen wird über Abseits diskutiert. Oder aber über vermeintliche Fehlentscheidungen der Schiedsrichter. Ganz normal also. Allerdings fehlen die zwanghaft lässigen Fußball-Hipster in ihren modisch perfekten Outfits und bierbeseelte WM-Touristen.

Die Idee zum WM-Treff für Homosexuelle sei zusammen mit Freunden entstanden, sagt Daniel Müller, einer der Mitarbeiter und Initiatoren des „Gaywatch“. „Im International gibt es ohnehin viele Partys für Schwule und Lesben. Deshalb passt es, für diese Zielgruppe anlässlich der Fußball-WM eine eigene Veranstaltungsreihe anzubieten“, sagt Müller. Zu Beginn der WM sei das Angebot vorwiegend von Frauen wahrgenommen worden. Mittlerweile sei das Verhältnis der Geschlechter ausgewogen.

Eigentlich brauche man sich in Berlin mit seiner Homosexualität längst nicht mehr verstecken, sagen Inga und Silke, zwei Besucherinnen, die an diesem Nachmittag zur Partie Deutschland gegen Ekuador gekommen sind. Dass die beiden Lesben die Fußballübertragungen dennoch unter ihresgleichen verfolgen, hat nur einen Grund: Die Atmosphäre hier sei einfach sehr entspannt.

Das mag vielleicht an dem kleinen Unterhaltungsprogramm in der Halbzeitpause liegen. Dabei dürfen sich die Gäste im Schießen auf die Torwand probieren. Wer den Ball in einem der Löcher rechts unten oder links oben versenkt, der bekommt einen Freidrink. Zudem können die Besucher auf einer Tauschbörse ihre Sammelalben mit den Bildern aller Kicker vervollständigen. Oder aber am Schminktisch die von der Wärme zerlaufene Fan-Bemalung auffrischen lassen.

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