Berlin : Andreas Gitzel (Geb. 1963)

Nach drei Jahren geht es mit der "Drei" zu Ende. Vorerst.

Matthias Thalheim

Die Mutter kam aus Berlin - Kreuzberg, der Vater aus Wolhynien. Nach Nauen, westlich von Berlin, hat sie der Krieg verschlagen. Mit 18 brachte die Mutter den ersten Sohn zur Welt, mit 32 ihren vierten, Andreas. Schmächtig war er und von kleinem Wuchs; gewitzt und klug und lernbegierig aber auch, von Anfang an. Bei einem Straßenpflaster-Malwettbewerb sollten Kinder ihre Ferienerlebnisse darstellen. Andreas malte ein Bild mit dunklen Wolken, Regen und traurigen Gesichtern. Warum? – „Weil es so war!“ Für Ehrlichkeit gab es keinen Preis.

In Pionier- und Trainingslager fuhr er nicht, vor allem seiner Krankheit wegen: ein Enzym, das fehlte, Probleme mit dem Stoffwechsel, Asthma, Neurodermitis. Einen Vorteil immerhin brachte ihm die Krankheit: Andreas musste nicht zur NVA. Ohne Aufschub und Brechung konnte er das Theaterwissenschaftsstudium in Leipzig beginnen. Die Diplomarbeit schrieb er über ungarische Dramatik. Eine Ungarin war auch seine erste Frau: Enikö, die der Studentenaustausch nach Leipzig verschlagen hatte. Andreas wohnte dort in einem Altbau, der so marode war wie die gesamte Häuserzeile. Unter den durchsottenen Fenstern fielen die Ziegel raus. Löcher wurden mit Lumpen verstopft. Die vier Studenten, die in dieser Bruchbude lebten, hielten eng zusammen. Sieben Jahre später, nach der Wende, wird sich einer von ihnen aus einem Fenster stürzen. Damals, in Leipzig, bespitzelte er seine Kommilitonen. Ein intelligenter, liebenswerter Mensch. Für Andreas wird dieser Tod ein schwerer Schock sein, das nachträglich-wirkliche Ende unschuldiger Studentenzeit.

Sein erstes Engagement bekommt Andreas am Theater von Stralsund. Gorbatschow ist an die Macht gekommen, in der DDR bleibt alles beim Alten und in Stralsund erst recht. Vor den paar Gaststätten stehen die Urlauber Schlange, die Theaterleute treffen sich bei Flaschenbier, gekochten Eiern, Bockwurst in der Kantine. Immerhin, der Spirituosenladen ist besser beliefert als manche Ost-Berliner Kaufhalle. Der Schauspieldirektor, der immer auf Nachschub aus dieser Verkaufsstelle angewiesen ist, wird Andreas zum Mentor – und auch zum Gegner, weil er jede Änderung blockiert. Andreas wird schließlich Chefdramaturg, mit seinen 24 Jahren der jüngste in der DDR.

Viel ausrichten kann er allerdings nicht. Für die Inszenierung von Strindbergs „Gespenstersonate“ ist er zwar zuständig, das Ergebnis verachtet er jedoch. Beim Finale der letzten Aufführung betritt er selbst die Bühne, scheppernd mit Helm und Ritterrüstung. Ein großes Durcheinander, der Hauptdarsteller will ihn verprügeln, die Damen des Ensembles schreiten ein.

Eine von ihnen ist Marlene Kliefert, Schauspielerin, mit einem universalen, künstlerischen Lebensanspruch. Andreas ist beeindruckt und ihm wird klar: Er hat zu früh geheiratet. Spannungssituationen wie diese sind für ihn lebensbedrohlich: Sein Körper, von der Krankheit und vom Cortison geschwächt, reagiert auf Seelenschmerz erbarmungslos.

Nach drei Spielzeiten kündigt Andreas seine Stelle und zieht mit seiner neuen Lebensgefährtin nach Berlin-Weißensee. Es sind die Wartesaal-Wochen des letzten Sommers der DDR, gefolgt von der Rasanz des Herbstes 1989.

Andreas wird Programmgestalter am „Theater unterm Dach“, dann kümmert er sich in der Kulturfabrik Osloer Straße um Film- und Theaterprojekte, eine ABM-Stelle. Marlene ist mit von der Partie. 1993 bringt sie die Tochter Paula zur Welt. Die neue Familie versucht in Vorpommern ein Leben auf dem Land – und scheitert. Allein kehrt Andreas nach Berlin zurück.

März 1996. Andreas arbeitet jetzt als Schulhelfer und Sozialarbeiter. An einem Nachmittag klebt er am Kollwitzplatz Plakate. Im Café „Lampion“ will er eine Pause auf ein Bier einlegen. Die es ihm zapft, ist Monika. Ein Schicksalsmoment.

Wenn die beiden sich in den frühen Monaten ihrer Beziehung streiten, auch in der Öffentlichkeit des „Lampion“, dann fliegen Teller und Flaschen durch die Luft, Kanonaden von Schmähungen. Die Reaktionen reichen vom Lokalverweis bis zu neidvollem Entzücken, mit welcher Leidenschaft, welchem Feuer hier zwei Menschen einander zu domestizieren versuchen. Ein Phänomen, vom Alkohol gesteigert, auch vom Gras – aber von einem heiligen Ernst getragen.

Trotz aller Eruption geben die beiden einander Halt. Die argen Symptome von Andreas’ Krankheit verlieren sich, weil Monika sein Leiden zu nehmen versteht: Es ist eben da. Er kann jetzt Reisen unternehmen, die er sich früher oft versagt hat. Zusammen schmieden sie Pläne. Auf Pläne versteht sich Andreas wie kein anderer, das sind Zeichnungen und Tabellen auf Millimeterpapier. Mit Monika bleibt es nicht nur bei den Skizzen. Ein eigenes Café in Brieselang, zwischen Berlin und Nauen, Am Markt 3. Es soll „Die Drei“ heißen, denn die Drei ist Andreas’ Glückszahl. Am 23. 3. 1963 wurde er geboren, die Quersumme ist durch drei teilbar.

Es ist ein ehrgeiziges Konzept, kein Ruhetag, 25 000 Mark Startkredit, und das Lokal sieht aus, als steckten 100 000 drin. Monika und Andreas pendeln zwischen Brieselang und der Wohnung in Berlin, oft genug schlafen sie zwischen den Tischen auf dem Boden des Cafés. Die Samtvorhänge zugezogen, ist es wie in einer Wohnstube. Andreas betrachtet „Die Drei“ wie eine Theater-Inszenierung, jeder Tag eine neue Aufführung mit immer anderen Darstellern und neuen Konstellationen. Die Bestellungen der Gäste versteht er als Applaus. Nur dass es in Brieselang nicht so viele Gäste gibt. Dann steigt auch noch die Miete. Nach drei Jahren geht es mit der „Drei“ zu Ende. Vorerst.

Monika und Andreas finden neue Räume in Berlin. In der Sredzkistraße 43 befand sich früher die „Imbissstube Böhm“, im März 2002 öffnet hier die neue „Drei“. Mitten in Prenzlauer Berg greift das Konzept viel besser. Die Schufterei bleibt. Wer Monika und Andreas arbeiten sieht, wird an eine verschworene Schiffsbesatzung erinnert.

Gegenüber der „Drei“ befindet sich das „Pieper“, eine Kneipe, die vor allem von der Kundschaft des inzwischen dahingeschiedenen „Lampion“ besucht wird. Als der Wirt des „Pieper“ in Schwierigkeiten gerät, hilft ihm Andreas. Mit seinem mühsam erworbenen kalkulatorischen und steuerrechtlichen Spezialwissen leistet er gute Dienste. Andere Wirte hätten sich die Hände gerieben, wenn das Lokal gegenüber verröchelt wäre und man sich nicht mehr die Laufkundschaft hätte teilen müssen. Nicht aber Andreas. Mit seinem Charisma, seinem jungenhaften Aussehen, seinem Geist und seiner Redefähigkeit hätte der Diplom-Theaterwissenschaftler beträchtliche Karriere in dieser wunderbaren Marktwirtschaft machen können. Hat er aber nicht.

2008 stirbt Andreas’ Vater, und im selben Jahr eskaliert der Streit mit dem Vermieter des Hauses in der Sredzkistraße. Es ist unsaniert, steht aber in einer Gegend, in der die Gewerbemieten in den Himmel schießen. Auch wenn die „Drei“ gut läuft – die Miete, die sie jetzt bezahlen sollen, können sie nicht aufbringen. Eine letzte Urlaubsreise nach Tschechien; und „Die Drei“ muss abgewickelt werden, endgültig.

Andreas leidet unter diesem Ende, man kann zusehen, wie der Gram seine gesundheitliche Balance zerstört. Er muss jetzt Geld mit Nachhilfestunden verdienen und als Kurierfahrer für Bio-Essen. „Bio“-Menüs mit dem Auto durch die Rush-Hour der Großstadt!

Andreas’ Krankheit verschlimmert sich, Lungenkrebs kommt hinzu. Er wird operiert, immer wieder. Wenn er kann, kommt er ins „Van Speyck“, wie das gerettete „Pieper“-Lokal nun heißt. Mit einer Krücke, dann mit zweien. Er schleppt sich.

Die Wunden wollen nicht mehr heilen, Bestrahlungen, Chemotherapien markieren die Frist seiner letzten Tage. Am Ende bewegt er sich nur noch kriechend durch die Wohnung zu seiner ebenerdigen Bettstatt. Die mit so viel Schönem bedacht ist, wie nur irgend möglich.

Zwei Wochen vor seinem Tod schreibt er an seinen Bruder: „Was momentan mit mir passiert, erscheint mir so irreal, dass ich keine Worte dafür finde oder Worte schon, die niemand hören möchte. Was früher in meinem Leben passierte, stellt sich nun als paradiesische Variante und irgendwie immer auch als verpasste Gelegenheit dar, also innezuhalten und zu erkennen, was ich am Leben habe: an der Mobilität, am freien Denken, ungefiltert durch Schmerzen oder Schmerzmittel und an der gleichberechtigten Beziehung zu den anderen.“

Monika sagt zu ihm: „Solange ich mit Dir sprechen kann, Andreas, ist doch alles gut.“ Matthias Thalheim

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