Berlin : Andreas Podkowa (Geb. 1967)

Ein flirrender Geist auf festem Grund

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Die Liste ist lang: eine Burger-Imbiss-Bude in Marwitz, eine Oldtimer-Halle in Oranienburg, ein Rolls-Royce- Hochzeitsservice, die Vermietung von Ferienwohnungen, eine Trockeneis-Reinigung und der Vertrieb eines Energy-Drinks. „Das hat er alles gemacht?“ – „Das hat er alles gemacht! Neben seiner Vollzeitarbeit bei Siemens. Und an neuen Ideen tüftelte er bereits, Blechverkleidungen für Kühlschränke und ein Kletterpark für Kinder schwebten ihm vor. Mein Bruder hatte immer viele Bälle in der Luft.“

Einige fielen rasch wieder hinab. „Alla Rose“ zum Beispiel funktionierte nur mäßig. „Alla Rose“ war „das neue, vielseitige Erfrischungsgetränk mit dem Zauber der Rose“. Den Alla-Rose-Erfinder, einen Schweizer Unternehmer, hatte Andreas im Flugzeug kennengelernt, als Außenmonteur für Siemens-Gasturbinen flog er unentwegt durch die Welt, nach Abu Dhabi, nach Schweden, England, Pakistan, Ägypten. Der Schweizer suchte jemanden für den Vertrieb des rosa Getränks in Deutschland und er befand: Andreas Podkowa ist der Richtige, ein flirrender Geist auf festem Grund. Das Geschäft war abgemacht, einige Wochen später rollten 29 Paletten mit den schmalen, gold-bedruckten Dosen an. Andreas verstaute sie in einer Ecke der Oranienburger Oldtimer-Halle, die er ursprünglich für seine eigenen Wagen, vorzugsweise Mercedes-Raritäten, angemietet hatte, in der mittlerweile aber auch andere Leute ihre Schmuckstücke unterstellen konnten. Der Absatz von „Alla Rose“ verlief schleppend, nach zwei Jahren hatten sich gerade mal neun Paletten verkauft. Die restlichen 20 stapelten sich übereinander, die oberen drückten auf die unteren, Risse im Weißblech entstanden, das Wasser verdunstete und die zurückbleibende zähe Masse lockte die Fliegen an.

Aber das machte nichts. Ein gescheitertes Projekt war doch kein Weltuntergang, er war schon mit ganz anderen Problemen klargekommen: die Flugangst und jetzt düste er durch die halbe Welt; seine miserablen Englischnoten in der Schule und jetzt parlierte er fast fehlerfrei mit Geschäftspartnern; seine Abneigung gegen Hitze und jetzt empfand er Abu Dhabi als einen der schönsten Orte. Er hatte ja noch zig andere Ideen, die er mit umso größerem Eifer ausbrütete, als Siemens entschieden hatte, ihn von seinen Auslandsaufenthalten zurück nach Berlin zu holen. Von den Baustellen ins Büro, in die Provinz, so erschien es ihm. Er hatte Formel-1-Rennen in der Wüste gesehen, war auf Safari gegangen, ein Scheich war Gast auf seiner Hochzeit gewesen.

Jetzt hockte er in der Moabiter Huttenstraße. Da konnte man schon mal auf Gedanken kommen. Warum also zum Beispiel kein Imbiss? Burger boomten gerade, und in Marwitz gab es noch keine. Oder die Anschaffung einer Trockeneismaschine zur Reinigung der empfindlichen Oldtimer.

Mit Autos hatte es Andreas schon früh gehabt. Noch nicht volljährig, trat er dem Berliner Ascona-Club bei, schraubte im Garten der Eltern an den Wagen herum, fuhr im Korso über die Transitstrecke von West-Berlin zu Opel-Treffen nach Hannover und Nürnberg, die Abende mit den anderen Schlitten-Schwärmern wurden allesamt auf Film festgehalten. Auf jedem sieht man Andreas in Aktion, er steht zwischen den Sitzenden, erzählt einen Witz, moderiert Spiele, singt, und die Leute applaudieren begeistert.

In Kindertagen beschützte er, der ältere, den jüngeren Bruder. Als der von einem Trupp rauflustiger Jungs die Straße entlanggejagt wurde, in Richtung heimatliche Toreinfahrt rannte, stand dort Andreas, aufrecht und mit finsterem Blick und sagte: „Jeht ma’ schön na’ Hause.“ Sie waren eng miteinander, immer, auch wenn der eine rastloser, leichtfertiger war als der andere, schrieben sich täglich, noch bevor es richtig hell wurde, Nachrichten, nichts Besonderes, kleine Zeichen am Morgen: „Bruderherz, geht es dir gut?“

Am 23. April antwortete Andreas nur halbherzig, ja, alles in Ordnung, obwohl er diese merkwürdige Müdigkeit spürte, es wird wohl alles ein bisschen zu viel gewesen sein in letzter Zeit, dachte er, die Arbeit, das Rumgereise, das ununterbrochene Handyklingeln. Er hatte mit seiner Frau eine Fahrt geplant, zu einer Geburtstagsfeier, hoch an die Nordsee. Sie liefen zum Auto, aber Andreas wollte nicht ans Steuer, setzte sich auf die Beifahrerseite und schlief dort ein. So etwas war noch nie vorgekommen.

Auf der Fähre nach Juist brach er zusammen. Ein Hubschrauber flog ihn in ein Krankenhaus aufs Festland. Seine Blutwerte wurden immer schlechter. Man brachte ihn nach Hannover. Und entdeckte die Krankheit: Autoimmunhämolytische Anämie, der Körper zerstört die roten Blutkörperchen. Seine Frau saß an seinem Bett, und sein Bruder, drei Wochen lang. Dann starb Andreas.

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