Berlin : Andreas Seifert (Geb. 1960)

Immer fällt ihm irgendwas irgendwo drauf.

Erik Steffen

Ein Dezembertag auf dem Friedhof Lichtenrade. Der Regen ist wie eine Wand. Er trennt Wahlfamilie und Blutsverwandte. Mühsam geht der Vater auf die Gruppe zu, die sich unter dem Pavillon vor der Kapelle zusammengefunden hat. Rauchwolken. Drei Rocker, die alte Stammwirtin und ihre Gäste, Weggefährten. Und Ilona, die ein Vierteljahrhundert lang mit Andreas durch dick und dünn gegangen ist. Aber Andreas hat keiner zu ihm gesagt. Otto haben sie ihn genannt, weil er dem Komiker ähnelte und die Kalauer hinreißend imitierte. Der Vater sagt einen Satz, und man merkt, wie schwer ihm das fällt: „Ich danke Ihnen, dass Sie sich vom meinem Jungen verabschieden wollen.“ Er war mal Polizist und er spricht mit Menschen aus Kreuzberg, aus einer Lebenswelt, an die er seinen Sohn verloren hat.

Otto war ein Hüne, Schwergewicht, Amateurboxer ohne Nehmerqualitäten. Und Gemütsmensch. Ein großes Kind. Aufgewachsen in Wedding, bürgerlich mit Erwartungshaltungen. Mutter beim Gericht, Vater Polizist. Er ist das schwarze Schaf in der Familie. Schule? Ausbildung? Das interessiert ihn nicht. Er gelangt irgendwann ins „Besetzereck“ am Heinrichplatz, Kreuzberg. Seit 1984 werden hier Hausbesetzer zu Instandbesetzern, marode Altbauten bekommen Gerüste, die sie hier „Rüstung“ nennen. Es gibt viel Arbeit. Aber Otto und Arbeit? Das passt noch immer nicht. Muss auch gar nicht passen in diesem Milieu, das sich den Erwartungshaltungen der Restgesellschaft konsequent entzieht und auf die Zukunft wenig Wert legt.

Otto versucht vieles. Gerüstbau, Security, Veranstaltungstechnik. Keine Erfolgsstory, aber Geschichten. Der Riese hat immer Pech. Auf einem Dach hat er einen Bandscheibenvorfall und muss per Kran von der Feuerwehr gerettet werden. Bei einem Konzertaufbau wird er fast von der Vorbühne erdrückt. Die Hebelgesetze sind ihm nicht so vertraut; oft zieht er mit Kraft und gutem Willen am falschen Ende. Reißt mit dem Arsch ein, was er vorne aufgebaut hat. Jedes Feierabendbier ohne Arbeitsunfall ist ein Fest – ein seltenes. Was an einem so gigantischen Körper alles aussetzen kann! Immer fällt ihm irgendwas irgendwo drauf. Dazu, im Stress, die epileptischen Anfälle. Aber Otto bleibt hilfsbereit, ruhig und voller Hoffnung. Auch mit der Arbeit soll das noch was werden.

Gut, dass es Ilona gibt. Seine große Liebe. Kreuzberger Pflanze. Sie lernen sich 1984 im „Besetzereck“ kennen, er der Große, sie die Kleine. Sie arbeitet auch auf der „Rüstung“, dann in der Altenpflege. Treibt ihn an, weiß, wo’s langgeht. Oder gehen könnte. Den Höhenunterschied zu ihm überwindet sie mit Lautstärke.

Vor zehn Jahren dann der Bruch. Der Vater zieht nach Westdeutschland aufs Land. „Wir können ihm helfen, wenn es ihm mal schlechter geht“. Otto stimmt Ilona zu. Er fühlt sich seinem Vater, den er so enttäuscht hat, verpflichtet. So landen sie in Windeck-Rosbach, einem Nest mit Blick auf den Westerwald.

Sie bleiben, nachdem der Vater längst wieder weggezogen ist. Arbeit ist nur eine Randerscheinung, das aber in einem Umfeld, wo sich alle darüber definieren. Und über Besitz. Hier gehören sie nicht dazu. Ihr Blick vom schönen Balkon auf die ländliche Idylle wird schwermütig. Otto wechselt das Programm. Greift zur Fernbedienung. Nur einmal im Jahr leben sie auf. Beim Bikertreffen in Biesental. Otto macht Security. Er wäre auch gerne so ein Biker. Aber sein Traum von der Harley ist schon lange ausgeträumt. Den Führerschein hat er freiwillig abgegeben wegen der Epilepsie.

Der Versuch, nach Berlin zurückzukommen, gerät zum Fiasko. Kreuzberg hat sich verändert. Keine Rüstungen mehr. Otto unterschreibt einen Arbeitsvertrag bei einer Securityfirma. Erhält eine Arbeitsuniform. Aber der Chef will Leute mit Führerschein. Rückzug aufs Land. Und Hoffnungsschimmer: neue Wohnung, Job als Gabelstaplerfahrer. Drei Tage vor seinem Tod macht Otto Ilona einen letzten Heiratsantrag. Sie lacht: „Wir haben doch schon Silberhochzeit.“ Das Kribbeln in den Armen ignoriert er. Genau wie ihre Bitte, dass er zum Arzt gehen möge. „Was von allein kommt, geht auch von allein.“ Sein Körper hat ihn oft genug enttäuscht. Es bleibt ein Unwohlsein, eine kurze Liegepause, ein Gang zum Kühlschrank. Und der Tod in ihren Armen. Das Herz. Erik Steffen

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