Angeblich lebte er viele Jahre im Wald : Der Junge ohne Vergangenheit

Vor sechs Monaten kam er ins Rote Rathaus. Wusste nur, dass er Ray heißt - und erzählte eine unglaubliche Story. Noch immer weiß keiner, wer er ist.

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Irgendwo im Wald hat der Junge gelebt, sagt er. Seine Identität ist immer noch unklar.
Irgendwo im Wald hat der Junge gelebt, sagt er. Seine Identität ist immer noch unklar.Foto: dpa

Was die Polizei von Anfang an stutzig machte, war die Kleiderfrage: Wie kann einer, der die letzten Jahre ausschließlich im Wald verbracht hat, solche frischen, sauberen Klamotten in seinem Rucksack haben? Gelöst haben die Berliner Beamten dieses Rätsel auch ein halbes Jahr nach dem Auftauchen des „Waldjungen“ nicht – ebenso wenig wie alle anderen Fragen, vor allem jene nach der Identität von Ray.

Mit diesem Namen nämlich hatte sich der junge Mann, der nach Augenzeugenberichten gesund und keinesfalls verwirrt wirkte, am 5. September vergangenen Jahres beim Pförtner im Roten Rathaus vorgestellt. Und in relativ gutem Englisch eine schier unglaubliche Geschichte erzählt. Dass er seit dem Tod seiner Mutter bei einem Autounfall mit seinem Vater seit mindestens fünf Jahren im Wald gelebt habe. Dass sein Vater einige Wochen zuvor an den Folgen eines Sturzes gestorben sei, ihm aber zuvor geraten habe, immer nach Norden zu gehen, weil er dann nach Berlin gelange. Einen Kompass hatte Ray dabei, seinen Vater will er selbst begraben haben – im Wald natürlich.

Außer den Vornamen seiner Eltern – Doreen und Ryan – sowie seinem Vornamen und Geburtsdatum wusste er angeblich nichts über seine Herkunft. Kannte weder sein Heimatland noch seine Nationalität, konnte auch nicht sagen, in welchem Wald er mit seinem Vater gelebt hatte. Die Polizei vermutete wegen der angeblichen Aufforderung des sterbenden Vaters, „nach Norden zu gehen“, die Leiche in den südbrandenburgischen, sächsischen oder tschechischen Wäldern. Entsprechende Hinweise gingen an die Behörden dort, doch bis heute wurde kein Grab gefunden.

Was aber die Polizei am meisten verwundert, ist die Tatsache, dass es bislang keinen Hinweis auf die Identität von Ray gibt – obwohl Interpol sich eingeschaltet hat, obwohl sich Eltern aus dem In- und Ausland meldeten, die einen Jungen im passenden Alter vermissten. Doch keine Begegnung, keine Fahndung, kein DNA-Abgleich brachte laut Polizei ein Ergebnis.  Und so tappen die Beamten noch genauso im Dunkeln wie vor sechs Monaten. Damals hatte vor allem die britische Presse ausführlich über den Fall berichtet, weil sie annahm, der englischsprachige Junge stamme von der Insel.

Da Ray angegeben hatte, 17 Jahre alt zu sein, wurde ihm, wie in solchen Fällen üblich, vom Gericht ein Vormund bestellt. Die damit beauftragte Frau lehnt jeden Kontakt des Jungen zur Presse ab. Angeblich möchte Ray seine Ruhe. Das inzwischen zuständige Jugendamt Tempelhof-Schöneberg teilte auf Anfrage des Tagesspiegels immerhin mit, dass sich der junge Mann noch in Betreuung befinde und dass es im Gegensatz zu einem kürzlich in Schweden veröffentlichten Zeitungsbericht keine Hinweise darauf gebe, dass Ray psychisch krank ist.

Wie es mit dem Jungen weitergeht, ist ungewiss. Wahrscheinlich werde die Betreuung nicht mit seinem 18. Geburtstag enden können, sagen Sozialpädagogen. Und was für Papiere soll man ihm ausstellen? Aus der Berliner Innenverwaltung heißt es, da Ray nur wenig Deutsch spreche, sei er vermutlich kein Deutscher. So könne er keinen deutschen Ausweis bekommen.

„Ein absolut ungewöhnlicher Fall“, sagt auch Beate Köhn vom Berliner Jugendnotdienst. Zwar erleben ihre Mitarbeiter ab und an, dass Jugendliche sich bestimmte Geschichten ausdenken – beispielsweise, um nicht wieder nach Hause zu müssen – aber das löst sich normalerweise schnell. „Wenn sie Vertrauen gefasst haben, erzählen sie meist die Wahrheit“, sagt Köhn.

Aber auch wenn sich Ray ein Märchen ausgedacht hat, weil er vielleicht psychisch krank oder aus kriminellen Strukturen geflohen ist – irgendjemand muss ihn doch kennen. Eltern, Geschwister, Freunde, Lehrer – bisher scheint niemand auf der Welt den Jungen zu vermissen.

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