Berlin : Angetrunkener Grenzschützer schoss auf Libanesen

Frank Jansen

Ein Beamter des Bundesgrenzschutzes ist in der Nacht zu gestern in Neukölln Amok gelaufen und hätte beinahe einen Libanesen umgebracht. Der 29 Jahre alte Jens B., zur Tatzeit nicht im Dienst, feuerte mit seiner Dienstwaffe drei Mal, bevor er von dem Araber überwältigt und der Polizei übergeben werden konnte. Der 19-jährige Libanese hatte zuvor einen Schuss in Richtung seines Kopfes durch einen schnellen Griff in die Waffe des BGS-Mannes abwenden können. Dabei verletzte sich der Araber an der rechten Hand. Der Grenzschützer soll heute dem Haftrichter vorgeführt werden.

Das Drama spielte sich gegen 2 Uhr 45 an der Ecke Hobrecht-/Karl-Marx-Straße ab. Der alkoholisierte Jens B. tauchte vor der Kneipe "Memory 2" auf und brüllte, "ich bringe alle Ausländer um". Nach Angaben von Zeugen soll er auch verkündet haben, sich selbst töten zu wollen. Der BGS-Mann gab einen Schuss ab, die Kugel traf ein Wohnungsfenster. Eine Mieterin wurde durch Glassplitter am Hals verletzt. Anschließend lief der Schütze ins "Memory 2", zu dessen Kundschaft auch Migranten zählen. In dem Lokal bedrohte der Beamte die Gäste und feuerte erneut, traf aber niemanden. Der Libanese flüchtete aus der Kneipe, Jens B. folgte ihm und zielte auf den Kopf des Arabers. Dieser konnte aber die Waffe wegdrücken. Dabei fiel der dritte Schuss, der möglicherweise eine Hand des Libanesen streifte. Die Art der Verletzung war gestern unklar. Es könnte auch eine Quetschung sein - der Libanese war womöglich mit der Hand in den Schlitten der Waffe (oberer, beweglicher Teil der Pistole, der sich beim Schiessen blitzschnell öffnet und schließt) gekommen. Jedenfalls zog er sich zwischen Daumen und Zeigefinger eine stark blutende Wunde zu.

Obwohl der BGS-Mann größer und kräftiger ist, wurde er von dem Araber zu Boden geworfen. Die von einem Anwohner alarmierte und nach wenigen Minuten eintreffende Polizei nahm Jens B. fest, der dabei wieder fremdenfeindliche Parolen von sich gab. Bei einer Durchsuchung der nahe gelegenen Wohnung des Beamten sei aber nichts entdeckt worden, was auf eine rechtsextreme Gesinnung hinweist, hieß es bei der Polizei. Allerdings hatte Jens B. offenbar gezielt das "Memory 2" aufgesucht, weil er vom hohen Anteil ausländischer Gäste wusste.

Wäre der Grenzschützer nicht von dem Libanesen überwältigt worden, hätte er möglicherweise ein Blutbad angerichtet. Außer dem Magazin in der Dienstwaffe hatte Jens B. ein zweites bei sich. Vor dem Amoklauf ist der auf dem Ostbahnhof in Friedrichshain stationierte Beamte nicht aufgefallen. Ob der unverheiratete Jens B. private Probleme hat, ob er den Libanesen kannte oder gar Streit mit ihm hatte, konnte die Polizei nicht sagen - vielleicht sei er "einfach ausgerastet". Allerdings war beim gestrigen Stand der Ermittlungen unklar, ob sich der BGS-Mann schon früher rassistisch geäußert hat.

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