Angst vor Amerika : Was TTIP für die Berliner Kultur bedeuten könnte

Neuerdings verspricht sogar EU-Handelskommissar Karel de Gucht, dass der Kultursektor vom Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA unberührt bleibt. In der Kulturbranche ist man trotzdem alarmiert. Zu eng, zu komplex ist die Verzahnung von Wirtschaft und Kultur. Ein Krisenbericht aus Berlin.

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Schreckensvision? Dass irgendwann das Sternenbanner auf Berliner Kulturinstitutionen weht, glauben wir nicht ernsthaft. Aber unser Thema veranschaulicht die Montage ganz gut.
Schreckensvision? Dass irgendwann das Sternenbanner auf Berliner Kulturinstitutionen weht, glauben wir nicht ernsthaft. Aber unser...Fotos: Mike Wolff, fotolia/Montage: Tagesspiegel

Im Flur ist ein Regal zusammengekracht. Kniehohe Bücherstapel lehnen an der Wand und warten darauf, sortiert und sorgfältig wieder zurück auf die Bretter gestellt zu werden. Und nein, das ist kein schlechtes Omen, kein Symbol eines drohenden Zusammenbruchs. Nur die Folgen eines Umzugs. Der Deutsche Kulturrat hat hier kürzlich seine neuen Büroräume bezogen. Geschäftsführer Olaf Zimmermann weist den Weg in ein kleines, mit Raufaser tapeziertes Besprechungszimmer.

Ein sonniger Vormittag Ende Mai, wir befinden uns im Seitenflügel des ehemaligen Allianz-Gebäudes in Mitte, einem klassizistischen Bau von 1915. Lange war hier der Sitz der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft; ein Mosaik mit einer Bauernszene im Entrée zeugt noch davon. Jetzt zieren etliche Messingschilder den Eingang: Landesverband Berliner Galerien, Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine, Deutscher Museumsbund, Internationale Gesellschaft der Bildenden Künste, Chance Tanz, Credo Film, Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler. Wollte man einem ahnungslosen Amerikaner erklären, wie groß, breit und verzweigt die deutsche Kulturszene ist, dann wäre der Gehsteig vor der Mohrenstraße 63 kein schlechter Ort dafür.

Das Problem ist die Intransparenz der Verhandlungen

Aber wir sind nicht hier, um Erklärungen abzugeben. Wir suchen nach Antworten. Vielleicht auch erst mal nur nach den richtigen Fragen. Seit Monaten erhitzt das Transatlantische Freihandelsabkommen, kurz TTIP, die Gemüter. Vor allem die Intransparenz, mit der man in Brüssel mit den Amerikanern verhandelt, ist der kritischen Zivilgesellschaft ein Dorn im Auge. Insgesamt 715.000 Unterschriften hat das Bündnis „TTIP unfairhandelbar“, dem unter anderem Attac, die Beteiligungsplattform Campact.de und das Umweltinstitut München angehören, bis Ende Mai gegen das Abkommen gesammelt.

Was aber hat das mit dem Deutschen Kulturrat zu tun, der die Interessen von 237 Bundeskulturverbänden vertritt? Und was mit dem quietschfidelen Kulturstandort Berlin, wo man an einem durchschnittlichen Donnerstag im Juni die Wahl zwischen zwölf Lesungen, 15 klassischen Konzerten oder 46 Theater-, Opern- und Tanzvorstellungen hat, das Angebot für Kinder nicht mal mitgerechnet. Wo in 66 Kinos hunderte Filmvorführungen stattfinden und 96 Museen, Galerien und Kunsträume gleichzeitig 148 Ausstellungen zeigen. Bei Handelsabkommen geht es üblicherweise nicht um Kultur, sondern um den Abbau von Zöllen und die Vereinheitlichung von Sicherheitsstandards, technischen Normen oder Wettbewerbsregeln.

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