Berlin : Angst vor dem Dauerstau am Potsdamer Platz

JÖRN HASSELMANN MATTHIAS OLOEW

BERLIN .Rund 1,2 Millionen Besucher stürmten am Wochenende das neue Stadtviertel am Potsdamer Platz, weitere 200 000 kamen nach debis-Schätzungen am Montag.Die Folge war ein Verkehrskollaps.Lange Staus auf den Straßen, BVG-Kunden mußten die Busse verlassen und zu Fuß weiterlaufen, U-Bahnen konnten wegen Überfüllung nicht am Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park halten.Für das Daimler-Benz-Areal gilt als Ziel eine Mischung aus 20 Prozent Individualverkehr und 80 Prozent öffentlicher Nahverkehr.Während die Verkehrsverwaltung alle Voraussetzungen dafür erfüllt sieht, fordert der Baustadtrat von Tiergarten einen Ausbau des Bus- und Bahn-Netzes.Die BVG jedoch will abwarten, "wie sich die Nachfrage entwickelt".

Statt die Tiefgaragen zu benutzen, suchten sich am Wochenende viele Besucher einen Platz in den benachbarten Straßen.Die Folge waren nicht nur ellenlange Staus, sondern auch lärmender Parkplatzsuchverkehr in der Köthener und Bernburger Straße in Kreuzberg, sowie der Voßstraße und Wilhelmstraße in Mitte.Vor den Einfahrten der Tiefgaragen stauten sich die Autos.

Gutachter schätzen, allein auf dem Daimler-Areal seien 40 000 bis 50 000 Besucher täglich zu erwarten.Für das gesamte Gelände um den Potsdamer und den Leiziger Platz wird mit bis zu 80 000 Besuchern täglich gerechnet.Wenn alles fertig ist, sollen hier bis zu 12 000 Menschen arbeiten.Ab dem 15.Oktober wird darüber hinaus das Musical-Theater zum Kino auf Abruf: Dann könnten noch einmal 1500 Filmfans zusätzlich in das neue Viertel drängen.In den Tiefgaragen des benachbarten Sony-Komplexes sind noch einmal 980 Stellplätze in Bau, rund 5 000 Menschen sollen hier arbeiten.Auch Sony plant ein Multiplexkino, ein Imax-Theater und andere Publikumsmagneten.

Mit dem Bau der U-Bahn-Station Mendelssohn-Bartholdy-Park und dem Ausbau der U-und S-Bahn-Station Potsdamer Platz zum Regionalbahnhof sieht die Verkehrsverwaltung das neue Quartier gut ausgestattet.Petra Reetz, Sprecherin der Verkehrsverwaltung, ist optimistisch, daß die Angebote entsprechend angenommen werden.Tiergartens Baustadtrat Horst Porath (SPD) fordert dagegen einen weiteren Ausbau des Bahn- und Bussystems.Da die S 21-Trasse als Nord-Süd-Verbindung vorerst nicht gebaut werde, und auch die Pläne für eine Straßenbahnverbindung über den Potsdamer Platz auf Eis liegen.Porath hält es für notwendig, die Buslinien zu verstärken und die Linie 341 über den Potsdamer Platz zu führen.

CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky brachte gestern kostenlose Elektro-Pendelbusse über den Potsdamer Platz ins Gespräch.Dieser Shuttle sollte City Ost und City West verbinden."Sonst bleibt Berlin geteilt", sagte Landowsky.Etwas ähnliches habe es auf dem Kudamm mit einem Bus-Sonderpreis für eine Mark mal gegeben.Landowsky stellte eine Mitfinanzierung durch das Land in Aussicht.Die BVG jedoch wartet erst einmal ab, wie sich die Nachfrage entwickelt."Unser Problem ist, daß die Busse gar nicht richtig rankommen an den Platz", sagt BVG-Verkehrsplanerin Carola Trettin.Einfach so wolle man "nicht noch mehr Busse ins Chaos schicken".Denn die Verspätungen, die die Großen Gelben rund um das Daimler-Viertel einfahren, wirken sich bis in die City West oder Kreuzberg aus.

Zu Füßen des Parkhauses am Gleisdreieck könnte einmal die "Westtangente" entlangführen.Seit Jahren fordert debis diese Verlängerung des Tiergartentunnels bis zur Autobahn am Schöneberger Kreuz."Wir denken weiter darüber nach", sagt debis-Planer Mark Münzing.Seit über einem Jahr hat der Konzern einen fertigen Trassenvorschlag in der Schublade.Diese - früher als "West-Tangente" umstrittene und umkämpfte - Straße wurde jedoch in der SPD-CDU-Koalitionsvereinbarung gekippt.Da das Reichpietschufer sich schon jetzt in eine Staufalle wandelte, nur weil dort die Einfahrt in die debis-Tiefgarage ist, sei absehbar, daß die Straßen zu Füßen des Hochhauses ins totale Chaos stürzen werden, wenn dort 60 000 Autos zusätzlich täglich durch den Tiergartentunnel wollen.

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