Angst vor Sextäter : Schüler dürfen nur noch zu zweit zur Toilette

Nach dem Übergriff auf einen Siebenjährigen in Wedding fordern Eltern mehr Sicherheit für ihre Kinder.

F. Keilani / W. Kurzlechner

Die Gefühlsskala der Eltern an der Erika-Mann-Grundschule in Wedding reicht derzeit von sorgenvoll bis aufgebracht. „Wir wollen Sicherheit für unsere Kinder“, sagt Emer Erkan, Mutter von zwei Schülern. Sie habe Angst und schlafe schlecht seit dem Vorfall vom Donnerstag. Ein unbekannter Mann bedrängte am vergangenen Donnerstag einen siebenjährigen Jungen auf der Schultoilette. Als das Opfer schrie und weinte, lief der Täter davon. Zu einem Missbrauch ist es also nicht gekommen. Aber ein Sexualstraftäter läuft frei herum, wie ein Polizeisprecher bestätigte. Die Eltern sind aufgewühlt, weil er wiederkommen könnte.

„Man müsste sich mit einem Baseballschläger vor die Schule stellen“, meint ein Vater. Zusammen mit Emer Erkan und sieben weiteren Eltern saß er gestern im Büro von Schulleiterin Karin Babbe. Insgesamt habe sie mittlerweile mehr als 100 Müttern und Vätern die Situation erklärt, sagt Babbe.

In diesen Gesprächen geht es darum, wie viel Abriegelung und Überwachung eine offene Schule vertragen kann. Die Erika-Mann-Schule an der Utrechter Straße gilt wegen ihrer erfolgreichen Integrations- und Theaterarbeit in einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil als Musterschule und ist für den Deutschen Schulpreis nominiert. Im Hauptgebäude stehen die Klassentüren immer offen. So bekommen alle mit, was auf den Fluren geschieht. Aber der Übergriff trug sich nicht hier zu, sondern im Hortgebäude links neben dem Eingang.

Karin Babbe erklärt im orange gestrichenen Treppenhaus, wie es passiert ist. Eine Hortgruppe ging mit ihrem Betreuer nach dem Mittagessen nach draußen. Ein Junge wollte auf die Toilette gehen, das Opfer sollte ihn begleiten. Als der Siebenjährige im Treppenhaus wartete, kam der Unbekannte heran und fragte das Kind nach dem Weg zur Toilette. Der Schüler führte den Mann in den zweiten Stock, weil er seinen Mitschüler in der ersten Etage nicht stören wollte. Oben angekommen, wurde der Täter zudringlich.

Dem Jungen gehe es den Umständen entsprechend gut, sagte Babbe. Deshalb hätten die Eltern auf eine psychologische Betreuung verzichtet. Noch am Freitag ließ Babbe im Hort Türgriffe durch Knäufe ersetzen und den Türstopper am Eingang abmontieren. Bereits genehmigt sei auch der Antrag der Schule auf eine Videokamera am Horteingang. Außerdem habe man den Schülern noch einmal eingeschärft, nur in Begleitung eines Mitschülers zur Toilette zu gehen.

Den Eltern reichen diese Maßnahmen nicht. Sie fordern eine ständige Videoüberwachung für die Schuleingänge oder einen Sicherheitsdienst. Derlei sei aus finanziellen und Datenschutzgründen nicht machbar, so Babbe. Einen Vorschlag greift die Schulleiterin auf: Bis die Kamera eintrifft, sollen die Eltern Wache schieben.

Ob es zwischen dem Weddinger Fall und kürzlich berichteten Vorkommnissen in Prenzlauer Berg einen Zusammenhang gibt, dazu wollte die Polizei nichts sagen. In Prenzlauer Berg waren am 21. September zwei Jungen (zehn und 13 Jahre) von einem Mann belästigt worden. Der Täter wurde nie gefasst. Am 3. Oktober sollen Kinder auf Schulhöfen von einem Mann angesprochen worden sein. Zwar passierte nichts, aber Eltern und Kinder ängstigten sich. Die Polizei erhöhte die Zahl ihrer Streifen und schaut jetzt nach eigenen Angaben genauer hin. F. Keilani / W. Kurzlechner

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