Berlin : Angst vorm Alter, ganz plötzlich

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Kleine Geschichten von oder über Menschen, die auf den Arzt warten, die stehen hier jeden Montag. Heute: unsere Autorin Ariane Bemmer beim Orthopäden.

Zum Orthopäden müssen, das hat mit Kranksein nicht viel zu tun. Da gibt es Salben oder Pflaster für verrenkte Fußballerknie, überlastete Joggerbeine und Tennisarme, dachte ich – und ging wegen meiner Schulter hin, die beim Badminton schmerzt. Ich suchte den Arzt im Telefonbuch und landete in einem Neuköllner Wartezimmer. Es war voll und still, ein paar dicke Frauen saßen neben ihren Männern auf Plastikstühlen, einige trugen Kopftuch, eine wiegte sich vor und zurück und wimmerte ganz leise. Kein einziger Sportler. Ich war die einzige unter 40. An der Wand hing eine Uhr und tickte viel zu laut. Auf dem kleinen Glastisch lagen Apothekerzeitschriften, auf einer prangte das Wort Rücken. Rücken, ich zuckte zusammen. Das war es, deswegen waren die alle hier. Sie waren alt, und sie hatten einen Rücken, der ihnen wehtat, wahrscheinlich immer. Ich setzte mich gerade hin. Ich dachte daran, dass meine Knochen noch lange halten müssen und dass ich nicht pfleglich mit ihnen umgehe. Ich würde mehr auf mich achten müssen. Gerade sitzen, Joggen, Milch trinken, Bananen essen. Ich sah die Wartenden an, und bekam Angst, dass es zu spät sein könnte, dass ich enden werde wie sie. Der Arzt verschrieb mir eine Manschette und sagte, ich solle in drei Monaten wiederkommen. Aber ich gehe da nicht mehr hin.

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