Berlin : Anna Tóth (Geb. 1921)

Sie mochte die Unnahbarkeit der Deutschen, denn sie verstand, sie zu überwinden.

Elisa Peppel

Sie ging immer geradewegs auf ihr Ziel zu, mit Selbstzweifeln hielt sie sich nicht lange auf. In einem großen Budapester Elektrobetrieb wollte sie gern arbeiten, weil ihr die Geranien an den Bürofenstern so gut gefielen. Sie rief an und verlangte den Direktor zu sprechen, und zwar so bestimmt, dass der Personalleiter am Telefon ihr ohne Diskussion die Durchwahl des Direktors gab. Der Direktor sagte, er sei nicht zuständig, sie solle in der Personalabteilung anrufen. So rief sie wieder dort an und sagte wahrheitsgemäß: „Der Direktor hat gesagt, ich soll mich bei Ihnen melden wegen einer Stelle.“

Der Personalleiter verstand das als Anweisung von oben, und prompt hatte sie die gewünschte Stelle als Sekretärin in den Geranienbüros. Als sich einige Zeit später herausstellte, dass der Direktor diese Sekretärin gar nicht kannte, kam es beinahe zum Eklat. Aber bis dahin hatte sie ihre Arbeit bereits so gut gemacht, dass sie bleiben konnte. So wurde sie Chefsekretärin und später, als ihr Chef ins Ministerium wechselte, Kulturreferentin.

Anna stammte aus einer Eisenbahner-Familie in Wesprim, einer schönen alten Stadt in der Nähe des Plattensees. Die Eltern legten großen Wert auf eine gute Bildung, auch für die Töchter. Alle Kinder lernten ein Musikinstrument, doch als Anna drankommen sollte, war kein Geld mehr da. So blieben ihr nur die Mundharmonika und der Gesang. Sie setzte sich in den Wald und spielte dort für sich, stundenlang. Gesungen hat sie bei den „Englischen Fräulein“ der Ordensgemeinschaft Congregatio Jesu. Dort hat sie die obere Handelsschule besucht. Als Einzige ging sie jeden Morgen um halb acht zur Messe – denn während die Chormitglieder noch schliefen, konnte sie in der Kirche ihre Soli singen.

Die Fabrik in Wesprim, in der sie zunächst arbeitete, wurde im Sommer oft schon um zwei Uhr geschlossen und die Angestellten mit dem Zug an den Balaton gefahren. Den See liebte sie über alles.

Doch es kamen schlechte Zeiten. Ihre erste Ehe hielt nur kurz, und sie wollte gerade zum zweiten Mal heiraten, da kamen die russischen Panzer. Es war der Herbst des Jahres 1956; die Panzer zerstörten die Hoffnungen auf ein besseres Land. Das Paar floh in die Bundesrepublik mit fremder Sprache und ungewissen Aussichten. Unterwegs heirateten sie, in Pforzheim kam das erste Kind zur Welt, das zweite ein paar Jahre später in Hannover.

Auch die zweite Ehe hielt nicht lange. Ihrem Mann fiel es schwer, sich auf die neuen Lebensumstände einzustellen. Sie tat sich viel leichter: Mit einem Lächeln vervollständigte sie ihre unzureichenden deutschen Worte. Sie fand viele Freunde und mochte an den Deutschen die Loyalität und auch die Unnahbarkeit, denn sie verstand, sie zu überwinden. Nach der Scheidung begann Anna wieder zu arbeiten. In ihren Beruf konnte sie trotz Umschulung zur Kontoristin nicht zurück, weil sie mit den Artikeln, Fällen und Endungen der deutschen Grammatik bis zuletzt große Schwierigkeiten hatte. Sie begann in der Hauskrankenpflege, und das funktionierte gut. Sie konnte ja wunderbar mit den Menschen umgehen. Ihre späte, neue Freiheit genoss sie sehr, entdeckte alte Hobbys wieder, das Theater und den Tanz.

Sie hat immer das Gute gesucht, deswegen hat sie es auch oft gefunden. Wenn sich Dinge änderten, machte ihr das keine Angst. Mit fast 80 Jahren ist sie noch einmal umgezogen, von Hannover nach Berlin, wo ihre Kinder und die Enkel lebten. Auch hier war sie schnell zu Hause.

Vor vier Jahren sind alle noch einmal an den Plattensee gefahren. Anna hat sie eingeladen, und sie freute sich, dass ihre Enkel den gleichen Spaß an ihrem See hatten wie sie selbst damals, vor so vielen Jahren.

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