Berlin : Annema von Klitzing (Geb. 1933)

Aber die Tage ihrer Kindheit verlor sie nie aus dem Gedächtnis

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Hau ab, Deutsche nix gutt! Die Worte schallten ihr entgegen, als sie das erste Mal wieder in die Heimat kam, 1976 war das, eine Freundin hatte sie aufgefordert: „Du, wir fahren nach Polen und gucken mal, wie es jetzt da aussieht ...“

Ein großes weißes Tor, verschlossen. Menschen kamen aufs Tor zugelaufen, drohten mit den Fäusten, schrien, gestikulierten. Annema und ihre Freundin machten einen weiten Bogen ums Gehöft und erkundeten den ehemaligen Besitz der Eltern von der Gartenseite. Der Park war verwildert, aber die alten Pfade, auf denen sie als Kind langgelaufen war, hatten sie schnell wieder entdeckt. Der Pferdestall mitsamt Kutscherwohnung, das Taubenhaus, die uralten Bäume, Sommerwege, Sommertage.

Das Gutshaus lag am See, Reiten, Schwimmen, Picknicks, das Lachen aus längst vergangenen Tagen drang wieder an ihr Ohr. Das Otternloch, gruselig, wenn man ihm beim Waldhimbeerenpflücken mit der Mutter zu nah kam. Und die Maiglöckchen blühten wie eh und je. Glücklicher kann ein Kind nicht sein, als sie es damals war.

Aber Annema hatte auch ein großes Talent zum Glücklichsein. Eigentlich hieß sie Anne-Margarete, aber der Name war ihr zu lang, und wohl auch zu förmlich, also wollte sie Annema gerufen werden. Wie oft hatte sie mit dem Ponywagen Gäste abgeholt von der Bahnstation und auf der alten Kastanienallee zum Gutshaus gebracht, Charlottenhof, östlich von Küstrin. Heute heißt es Sosny.

Das letzte Mal war sie Ende Januar 1945 die Straße langgefahren, auf ihrem Ponywagen, westwärts allerdings. Wie ein großes Abenteuer war ihr die Zeit vorgekommen.

Auf dem Gut waren viele Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter untergebracht, aus Polen, aus Russland, aus Italien, sogar einen französischen Gärtner gab es, und amerikanische Offiziere, die von der Arbeit freigestellt waren. Am liebsten aber mochte sie die beiden russischen Stallarbeiter, die brachten ihr bei, wie man Sonnenblumenkerne schält und die Schalen zielsicher ausspuckt. Der eine, Wassili, nähte in der Nacht vor der Flucht noch Pelzmützen für Annema und ihre Eltern. Er wurde nach dem Einmarsch der Roten Armee erschossen, von den eigenen Leuten.

In diesem letzten Winter in der Heimat kamen viele Flüchtlingstrecks durchs Dorf. Die Eltern halfen, wo sie konnten, aber das Leid war kaum zu lindern. Am schlimmsten waren die Schreie der Frauen, die ihre toten Säuglinge in den Armen hielten, steif gefrorene Bündel.

Annemas Vater war kein Nazi wie ihr Lehrer in der Schule, der sich immer sehr stramm gab und die Kinder aufhetzte. Einmal kam sie aus der Schule nach Hause und verkündete:

„Die Engländer sind Schweine.“

Der Vater fragte nach: „Was sind die Engländer?“

„Na, Schweine!“

Der Vater fragte wieder nach, und wieder, bis Annema die richtige Antwort fand: „Die Engländer sind Menschen.“

Als die Rote Armee nur noch wenige Kilometer entfernt war, befahl der Vater die Flucht. Das ganze Dorf machte sich auf den Weg, 210 Menschen auf 32 Wagen. In der Nacht kehrte der Vater noch einmal um, er wollte nach den Tieren sehen und wurde erschossen.

„Ich hatte keine wirkliche Angst. Allerdings war meine Wut sehr groß auf diese Menschen, die mich mit ihren Geschützen umbringen wollten. Das ging so weit, dass ich sogar in meiner ohnmächtigen Wut mit Steinen nach Tieffliegern warf, wenn sie unterwegs auf uns wehrlose Zivilisten schossen. Ich wusste nur, es ist Krieg, hatte aber überhaupt keine Ahnung davon, weshalb sich die Menschen gegenseitig umbrachten.“

Die Mutter wurde krank. Der Bruder war erst fünf Jahre alt. Die Großeltern waren weit weg. Annema ernährte die Familie mit Pilzen, die sie im Wald sammelte. Und sie lernte zu klauen. Mehl und Grieß aus alten Wehrmachtsbeständen. Es half nichts, die Mutter starb noch im selben Jahr. Verwandte nahmen Annema zu sich, später zog sie zu ihrem Vormund nach Berlin, der ihrem Vater einst versprochen hatte, sich um die Familie zu kümmern, wenn es zum Schlimmsten kommen würde.

Annema ging ihren Weg, studierte, heiratete, bekam Kinder. Aber die Tage ihrer Kindheit verlor sie nie aus dem Gedächtnis. Sie suchte und fand polnische Freunde, arbeitete in der „Fraueninitiative Berlin – Warschau“, fuhr immer wieder nach Polen. Sie wusste, ein Zurück würde es niemals geben, aber ein gemeinsames Voran vielleicht.

Für den Charlottenhof allerdings schien es zu spät. Das Haus wurde nicht länger als Heim für verwirrte alte Menschen genutzt. Die letzten Bewohner waren ausgezogen. Es standen nur noch Wände. Die Fenster waren zerbrochen, die Türen verschwunden, das Dach eingefallen.

Da erfuhr sie, dass eine Polin aus Wroclaw den Hof gekauft hatte. Pfingsten 2001 lud Joanna, die neue Besitzerin, ihre Freunde nach Sosny ein, darunter auch Annema. Beklommen machte sie sich auf die Reise.

Joanna führte sie über den Besitz. Aus der Fohlenkoppel war eine große Wiese geworden. Im alten Schweinestall hatte sie eine Sommerwohnung eingerichtet. Siebzig große Lastwagen mit Müll waren abtransportiert worden, viele Helfer hatten gemeinsam Haus und Garten zu neuem Leben erweckt. Am Ende des Spaziergangs, als beide wieder am Tor des Gutshofes angelangt waren, sagte Joanna: „Ich schenke dir jetzt etwas“ – und überreichte Annema den Schlüssel zum Tor. Die lange Reise zurück in die Kindheit, sie endete glücklich. Gregor Eisenhauer

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