Berlin : Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Auf Insekten-Suche in den Vulkanhöhlen auf Hawaii

Annette Kögel

Stockdunkel ist es hier - tief unter der Erde. Nichts zu hören als das leise, stete Plätschern von Wassertropfen auf feuchtem Fels. Wenn man den Atem anhält, kann man sein Herz klopfen hören. "Ist das nicht eine irre Atmosphäre?" Der Begeisterungsausruf der Berliner Biologin Hannelore Hoch zerschneidet die Stille in der Lavahöhle auf der Hawaii-Insel Big Island. Klick, den Schalter am Schutzhelm umgelegt, und die Lampe wirft wieder ein fahles Licht in die Höhle. Dort, wo sich früher glühende Magmaströme ergossen, forscht heute das Wissenschaftler-Ehepaar Hannelore Hoch und Manfred Asche vom Museum für Naturkunde in Mitte. Demnächst starten die Weddinger Biologen wieder dorthin. Doch zuvor veranstalten sie heute für Besucher eine Museumsführung: eine mentale Exkursion auf die andere Seite der Welt.

Dort arbeiten, wo andere Urlaub machen: Diesen Traum hat sich das Doktoren-Duo mit Uni-Lehrauftrag erfüllt. Während der Semesterferien verlegen die Entomologen ihren Arbeitsplatz, wenn es die Zeit erlaubt, von Mitte in die Südsee, nach Indonesien oder Australien. Von ihren Studienreisen brachten sie viele Exponate für die InsektenAbteilung mit. 300 000 Arten sind verzeichnet, insgesamt 16 Millionen Tiere. In Kästen verpackt, werden Käfer, Libellen und Schmetterlinge zu Forschungslaboren in fast 50 Länder verschickt, sagt die 44-jährige Leiterin der Entomologischen Abteilung. Eine besonders interessante Spezies sind die hawaiianischen "Planthopper" und "Leafhopper".

In der unterirdischen Finsternis sind die Hüpfer für den Laien leicht zu übersehen. Manfred Asche zielt mit dem Helmscheinwerfer an die Höhlenwand. Tatsächlich: An den Wurzeln des Ohia-Baumes hocken sie, weiß und blind. Damit die Larven nicht vom versickernden Nass weggespült werden, hüllen sie sich in eine Art wasserdichten Wachskokon. "Für so einen Winzling ist ein Tropfen ja wie eine Tsunami-Welle", flüstert Frau Hoch. Die Hüpfer sind "Verwandte der Zikaden, die in Mittelmeerländern Alarm schlagen". Was ist an diesen Tierchen so spannend? Auf Big Island müssen sie sich wegen der Vulkanausbrüche ständig an eine variierende Umwelt anpassen. "Artenbildung kann man in der Gegenwart nur ganz selten erforschen - hier ist das möglich", erklärt die Professorin. "Total spannend, witness of evolution zu sein!" Wer so oft in der Welt unterwegs ist, mixt schon mal einen Sprachen-Cocktail zusammen.

Kürzlich vertrat Frau Hoch das Naturkundemuseum auf einer Tagung in Brasilien, dann organisierte sie Treffen für entomologische Kollegen aus London, Paris und Sydney. Ihnen zeigte sie auch das, was die Gäste während der heutigen Führung sehen: Vitrinen, in denen sich einem Präparate auf Nadeln gespießt entgegenrecken - für 35 Mark kann jeder Naturfreund als Insektenkasten-Pate die Konservierung sponsern. Sehenswert ist auch das Gewächshaus, in denen die Hopper im Winterschlaf auf den Berliner Frühling warten. Außerdem wachsen dort auch 200 Ohia-Stecklinge aus der tropischen Wahl-Heimat. An das zweite Leben auf Hawaii erinnert Frau Hoch ein Foto auf dem Schreibtisch: Pualani Kanahele, Hula-Tanz-Ikone, mit kraftvollem "Aloha"-Spirit.

Ihn spürt man auch in der Berliner Forscher-Enklave im Örtchen Volcano auf Big Island, gut 20 Flugstunden von Tegel entfernt. Wer die Wahlheimat der Weddinger im Tropenambiete betritt, muss die Schuhe ausziehen. "Mahalo" - danke. Das gehört sich so nach hawaiianischer Tradition. Am Kühlschrank hängt ein Ausriss aus dem Lokalblatt "Hawaii Tribune Herald". Er kündigt einen Vortrag der Wissenschaftler "from the Museum of Natural History of Humboldt University in Berlin" im Besucherzentrum des Vulkan-Nationalparks an. Durch das Holzhaus zieht ein angenehmer Räucherstäbchen-Duft. Vor unserer "Caving"-Exkursion gibt es Papaya und Tarobrot zum Frühstück. Draußen, in den Gärten der Nachbarschaft, wiegen sich Guavenpflanzen, Brotbäume, Bananenstauden.

Im Februar starten die Biologen hier ein neues Studienprojekt auf Hawaii. Seit Mitte der 80er Jahre schon erkundet das Wissenschaftlerpaar Höhlen, in die noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hat. Zuvor aber Schutzhelm, Handschuhe und Knieschoner überstreifen - Lava kann ganz schön scharf sein. Um die Zikaden unversehrt ans Tageslicht zu bringen, benutzen die Weddinger eine Art Blasrohr-Installation. Die Liebes-Lockgesänge der Tiere werden später mit einer eigens konzipierten Verstärkeranlage aufgenommen. Das klingt wie ein Presslufthammer, ein Frosch, wie Katzenschnurren oder das bullernde Röhren eines Seelöwen. Oder wie eine Harley Davidson - alles zu hören auf der CD "Love Songs from Paradise".

Unter der Erde dagegen herrscht totale Stille. Diese monströsen Gesteinsbrocken am Boden? "Uns ist noch nie etwas passiert", beruhigt Hannelore Hoch. Obwohl - da war dieser Blutegelschwarm in Indonesien. Ratten, die nachts das Zeltdach überm Kopf wegfraßen - da muss man zusammenhalten. Insekten-Enthusiasten wie die Weddinger Wissenschaftler machen sich mitunter eine ganz besondere Freude. Manfred Asche: "Ich habe Hannelore, als wir uns kennenlernten, eine riesige Kakerlake geschenkt."

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