Berlin : Arbeitslos und voll beschäftigt

In Berlin gibt es 7200 Ein-Euro-Jobs. Zwangsverpflichtetwurdenochniemand

Thomas Loy

Früher, bei Wegert, hat Michael Krause mal 120000 Mark im Jahr verdient, wenn’s gut lief. Heute, bei Clement, verdient er 2160 Euro, egal wie’s läuft. Michael Krause ist gelernter Radio-Fachkaufmann, Vater und Ein-Euro-Jobber. Er hasst dieses Bindestrich-Wort, weil es Stammtisch-Niveau hat. „Wat, du gehst für’n Euro arbeeten?“ Krause sagt lieber „Teilzeitbeschäftigung“. Die Profis von der Arbeitsagentur lieben es etwas gespreizter: „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung“, kurz: MAE.

Rund 7200 MAEs gibt es in Berlin. Täglich kommen neue hinzu, und Olaf Möller von der Arbeitsagentur-Regionaldirektion Berlin-Brandenburg ist guter Dinge, dass die Sollzahl von 35000 Billigjobbern in diesem Jahr erreicht wird. Die Nachfrage ist größer als erwartet. In den ersten drei Monaten konnten 93 Prozent der Stellen besetzt werden. Bisher boten die Langzeitarbeitslosen ihre Dienste freiwillig an, weil sie es leid waren, zu Hause die Wände anzustarren. Seit Jahresbeginn können Ein-Euro-Jobs auch verordnet werden. Aber so weit sind die neuen Jobcenter noch nicht.

Michael Krause, 46, ist für einen Langzeitarbeitslosen relativ kurz ohne Arbeit. Im Mai werden es zwei Jahre sein. Bis 1999 war er beim Foto-Fachhändler Wegert als Vertriebsleiter beschäftigt, dann ein paar Jahre in der Druckindustrie. Im April 2003 wurde er entlassen. Seitdem schreibt er Bewerbungen und hat es einmal bis zum Vorstellungsgespräch gebracht. Dass er eine reguläre Anstellung findet, glaubt er kaum noch. Bis Ende Juni läuft sein Jobber-Vertrag. Danach möchte er sich selbstständig machen, vielleicht als Computer-Trainer für Kinder. Genau das gehört zu seinen Aufgaben in der Neuköllner Kita mit angeschlossenem Hort, für die er seit Oktober 30 Stunden pro Woche arbeitet. Krause hat eine Fortbildung zum IT-Spezialisten gemacht. Für die Kita ist er „ein Glücksfall“, sagt die Leiterin. Krause ist zufrieden, weil er unter Leute kommt und sich Kontakte für eine spätere Existenzgründung ergeben könnten.

Vermittelt wurde er vom kirchlichen Projektträger „Wille“, der 50 Euro-Jobber im sozialen Bereich betreut. Erledigt werden Hilfsarbeiten auf Friedhöfen, bei Stadtteilinitiativen oder in Pflegeheimen. Wille bekommt rund 300 Euro pro Monat und Jobber. Damit werden Vermittlung und Qualifizierung vergütet. Zwei Drittel der Ein-Euro-Jobber werden von freien Trägern und Beschäftigungsgesellschaften vermittelt, der Rest von den Bezirken. Die brauchen in den neuen Ganztagsschulen Leute für Hausmeister-Arbeiten oder Hausaufgabenbetreuung.

Dietmar Jarkow vom Jobcenter Neukölln, das für rund 40 000 Hartz-IV-Empfänger zuständig ist, will etwa ein Viertel von ihnen mit Billigjobs versorgen. Dabei ist die Reintegration in den Arbeitsalltag in vielen Fällen erst mal nebensächlich. „Wir überlegen uns Jobs für Migranten, die schlecht lesen und schreiben können. Da geht es ums Saubermachen von Spielplätzen. Ein Drittel der Zeit könnten sie dann unterrichtet werden.“ Für den Projektträger steht im Vordergrund, „die Menschen zu ermutigen“, sagt Meike von Appen. Einige Billigjobber hätten Probleme: „Es gibt mehr Druck, als sie es von früher kennen. Wir wollen die Leute stärken, das auszuhalten.“

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