Berlin : Arbeitslosigkeit unter Türken: Einen Job haben sie nur in ihren Träumen

Amory Burchard

"Ich möchte nicht so enden wie meine Onkels", sagt Ali Ayranci. Die sind Bauarbeiter und lieben ihren Job nicht, wenn sie überhaupt noch Arbeit finden. Der 19-jährige Ayranci ist einer von 20 400 türkischen Arbeitslosen in Berlin. Woran liegt es bei Ali Ayranci? "Hauptschulabschluss gemacht, dann ein halbes Jahr Oberstufenzentrum Bürokaufmann, aber das fiel mir nicht leicht", fasst Ayranci sein Jahr 2000 zusammen. Schon in der Hauptschule sei vieles falsch gelaufen. "Fast nichts" habe er gelernt, kaum Deutsch und gar kein Englisch.

Seit dem Schulabbruch hat er gejobbt - bei Burger King und als Putzhilfe in einem Lokal. Und nachgedacht. "Mit achtzehn denkt man nur an Geld, schmeißt die Schule hin", sagt er. Jetzt will Ayranci seinen Realschulabschluss nachmachen, besser Deutsch und Englisch lernen. Beim Türkischen Bund Berlin-Brandenburg besucht er seit ein paar Wochen die "Initiative zur Berufs- und Beschäftigungsmotivierung". Ein Team von Sozialarbeitern geht in Cafés und Sportclubs auf junge Arbeitslose zu und holt sie ab zum Bewerbungstraining, zu Gesprächen und Besuchen beim Arbeitsamt. "Es sind Jugendliche, die sich aufgegeben haben", erklärt Projekt-Koordinator Turgut Hüner. "Wir versuchen, sie ins System zurückzubringen."

Ali sagt, er wisse nun, wo es lang geht. Sorgen macht er sich um Salih, einen Freund. Mit den Sozialarbeitern waren die beiden gestern bei der Berufsbildungs-Messe der Industrie- und Handelskammer. Einen Ausbildungsplatz gefunden hat keiner der 30 Jugendlichen. "Die wollen alle Abi oder Real", sagt Salih Ciftçi, "sogar bei McDonalds."

Einen Plan hat auch Salih, aber er glaubt nicht daran, dass der gelingt. In ein paar Tagen ist er zum Einstellungstest bei der Polizei eingeladen. "Aber ich kann das nicht schaffen, ich habe doch keine Ahnung von Politik." Keine Ahnung zum Beispiel, wie der Bundespräsident heißt. Was kann man da machen? "Von der Brücke springen", sagt Ciftçi mit einem Grinsen. Seine Mutter liegt ihm seit Wochen in den Ohren, er soll endlich lernen. Sie legt ihm jeden Tag eine frische Zeitung hin. Aber Salih sagt, er gucke sich noch nicht einmal die Bilder an: "Ich bin zu faul, zu lesen und zu lernen."

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Ali Ayranci versucht es mit einem knallharten Argument. "Wenn du mal ein Mädchen kennen lernst: Willst du dem sagen, ich bin arbeitslos?", fragt er Salih. Der 18-Jährige würde seinem Mädchen noch nicht einmal sagen wollen, er sei Gebäudereiniger. Sein Onkel hat eine Firma, lässt ihn manchmal "schuften", damit er Geld hat. Aber fest beim Onkel anzufangen, sei undenkbar.

Auch Ayla Gündüz hat einen Berufswunsch. Sie schaffte mit einem Notendurchschnitt von 2,8 einen ganz guten Realschulabschluss. Trotzdem findet sie seit einem Jahr keinen Ausbildungsplatz als Arzthelferin oder Krankenschwester. Beim Projekt des Türkischen Bundes hat sie erst einmal erfahren, dass etwas mit ihrem Bewerbungsschreiben nicht stimmte. Und noch etwas: "Auch mit Realschulabschluss bekommt man nicht den Beruf, den man haben will." In den Krankenhäusern und Arztpraxen wollen sie mehr: vor allem perfekte Deutschkenntnisse. Ayla Gündüz spricht fließend Deutsch, aber sie hatte eine Drei auf dem letzten Zeugnis. Aufgegeben will sie noch nicht, aber sie sagt: "Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand."

Im Nebenraum haben die türkischen Sozialarbeiter mit einigen Jugendlichen den Besuch bei der Ausbildungsmesse besprochen. Was hat es gebracht? Nichts, sagt ein junger Mann. Doch, hält ein Sozialarbeiter dagegen, er selbst habe schon ein paar Adressen aufgeschrieben, wo man vielleicht mal wieder anfragen könnte. Die jungen Männer sind aufgebracht. "Keiner hilft mir", sagt der 19-jährige Murat und fragt: "Wenn ich eines Tages obdachlos werde oder als Dealer Geld verdiene, wer hat dann Schuld?" Als Türke hätte er selbst mit Realschulabschluss oder Abitur kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Murat hat wie ein Viertel der jungen Türken den erweiterten Hauptschulabschluss. Ein weiteres Viertel geht ohne Abschluss von der Schule ab, den Realschulabschluss schaffen knapp 30 Prozent, das Abitur acht Prozent. Beim Arbeitsamt, sagt Koray, halten ihm die Sachbearbeiter immer vor, dass er nur den Hauptschulabschluss habe. Der 19-Jährige geht einmal in der Woche zu seinem Sachbearbeiter - und noch nie mit einem Angebot nach Hause. "Sie sollten mal hören, was die uns für einen Scheiß erzählen", sagt er. Manchmal hätten ihn seine Freunde schon davon abhalten müssen, auf den Mann vom Arbeitsamt loszugehen. Was fühlt er dann? "Ich bin sauer, was soll ich werden, ich bin bald 20."

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