Architekturtrend : Schwarz, wohin das Auge blickt

Dunkle Fassaden sind in Mode - zumindest bei Architekten und Bauherren, bei Anwohnern und Passanten sind sie oft umstritten, so wie gegenüber dem Bahnhof Pankow. Auch für den Alex gibt es schwarze Pläne. Oder doch eher anthrazit?

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Über die neue Fassade am Bahnhof Pankow ärgern sich viele.
Über die neue Fassade am Bahnhof Pankow ärgern sich viele.Foto: Mike Wolff

Ein neues Hotel, im modischen Schwarz, direkt neben dem bonbonfarbenen Einkaufszentrum Alexa – der Bauantrag für einen der Türme am Alexanderplatz liegt dem Bezirk Mitte nun vor. Noch in diesem Jahr könnte der Bau des Blockes mit einem 65 Meter hohen Wohnturm und angrenzendem Hotelkomplex beginnen, auch wenn Gesprächsbedarf bleibt. Zwar haben die Architekten und Investoren – Kaufleute aus Hamburg – ihre Pläne bereits zwei Mal im Baukollegium von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher zur Debatte gestellt und angepasst. Die dunkle Fassade bleibt aber – umstritten.

Hallo Nachbarn. Neben der Alexa sollen diese Gebäude entstehen; mit 65 Metern wäre es dort der erste höhere Neubau.
Hallo Nachbarn. Neben der Alexa sollen diese Gebäude entstehen; mit 65 Metern wäre es dort der erste höhere Neubau.Simulation: promo

Dunkelbraun wie das Spreedreieck in der Friedrichstraße, schwarz wie die Büroblöcke am Ostbahnhof oder das Einkaufszentrum an Pankows Garbàtyplatz – müssen Architekten wirklich fast jede Fassade gestalten im obligatorischen Existenzialistenschwarz?

„Das täuscht, wir haben einen Naturstein ausgewählt in Grau-Anthrazit – das ist kein Schwarz“, sagt Architekt Giorgio Gullotta. Der Hamburger sagt, er stoße sich selbst auch an der dunklen Farbe, die den Neubau für Mercedes-Benz an der East Side Gallery bestimmt. Um die Bedenken zu zerstreuen, dass auch der Block neben dem Alexa ein ebensolches schwarzes Loch mitten in Berlin bilden könnte, soll auf dem Grundstück an der Voltairestraße eine Musterfassade gebaut werden. Anschließend wird das Baukollegium unter Führung von Senatsbaudirektorin Lüscher zu einem Ortstermin geladen, wo Bauherr und Baumeister sie von ihrer Farbwahl überzeugen wollen.

Dunkel. Das Philips-Hochhaus wird gerade zum Hotel umgebaut.
Dunkel. Das Philips-Hochhaus wird gerade zum Hotel umgebaut.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Warum der Architekt das Anthrazit gewählt hat? „Weil sich Anthrazit am ehesten verträgt mit dem Schweinchenrosa des Alexa-Kaufhauses.“ Schwarz-Anthrazit geht immer, weil es neutral ist. Und die Rückwand des Alexa, dessen Anblick sogar den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Sommer vor vier Jahren zu einer Tirade veranlasste („Ist das hässlich!“), wird sich unmittelbar an den Neubau schmiegen. Dessen Fassadengestaltung ist im Übrigen unauffällig klassisch im Stil moderner Hochhäuser aus den 30er Jahren: Sprossen betonen die Vertikale, die obersten beiden Stockwerke bilden den sauberen Abschluss des Turmes und auch der Sockel wird durch höhere Fensterausschnitte betont.

Nicht mal bunte Blätter bringen an der Lietzenburger Straße Farbe rein.
Nicht mal bunte Blätter bringen an der Lietzenburger Straße Farbe rein.Foto: Mike Wolff

„Ambitioniertes Bauen in Berlins Mitte geht sicherlich anders“, sagte der stadtentwicklungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion Stefan Evers. Immerhin habe das Baukollegium noch „leichte Verbesserungen“ durchsetzen können im Vergleich zum ersten Entwurf. Auch für Evers ist aber „die eigentliche städtebauliche Katastrophe an diesem Standort das benachbarte Alexa“. Mittes Bezirksbaustadtrat Carsten Spallek sagte: „Ich begrüße, dass hier offenbar kurzfristig die Weiterentwicklung der Banane am Alexanderplatz erfolgt.“ Die Banane ist das lang gestreckte und leicht gekrümmte Grundstück, das von der Grunerstraße bis zur Jannowitzbrücke reicht und schrittweise bebaut werden soll. Die dunkle Fassade des Neubaus nennt Spallek „eine Frage des Geschmacks“. Es gebe keine Rechtsgrundlage, um einen Investor auf eine bestimmte Farbe festzulegen. Jedenfalls nicht im Bereich des Alexanderplatzes, wo keine Gestaltungssatzung gelte und kein Denkmal- oder Ensembleschutz. Auch der Diskussion im Baukollegium unterziehe sich der Bauherr freiwillig – verpflichtet sei er dazu nicht.

Das Spreedreieck sollte eigentlich viel heller wirken.
Das Spreedreieck sollte eigentlich viel heller wirken.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Drei bis sechs Monate wird die Prüfung des Bauantrags Spallek zufolge beanspruchen. Dabei geht es vor allem um eine Fülle von Detailfragen, wie Feuerschutz und Fluchtwege zum Beispiel. Baurecht besteht für dieses Grundstück schon lange, denn es ist Teil des Masterplans für den Alexanderplatz. Diesen hatte der Architekt Hans Kollhoff in den 90er Jahren entwickelt und er sieht eine „Stadtkrone“ mit einem Dutzend bis zu 160 Meter hohen Türmen vor. Für das Areal an der Voltairestraße, das ursprünglich von der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo entwickelt worden war, hatte zuvor bereits ein anderer Bauträger baureife Pläne vorgelegt – das Projekt dann aber doch aufgegeben.

Hinter der East Side Gallery baut gerade Mercedes.
Hinter der East Side Gallery baut gerade Mercedes.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Mit einem Rückzug der Hamburger Kaufleute ist nicht zu rechnen. Architekt Gullotta hofft auf eine zügige Bearbeitung des Bauantrags, weil „das Grundstück kurzfristig bebaut werden soll“. Eine Fertigstellung des Blockes sei bis zum Jahr 2015 möglich. Dem Vernehmen nach sollen 150 Wohnungen überwiegend in dem Turm entstehen. In dem niedrigeren Teil des Blockes an der Alexanderstraße soll ein Hotel öffnen. Der Betreiber könnte aus der Hamburger Gruppe „East Hotel“ kommen, die an der Elbe erfolgreich arbeitet. Die Hamburger Investoren hatten in Mitte bereits in der Andreasstraße 22 einen Plattenbauturm grundlegend saniert und luxuriöse Appartements eingerichtet.

Wie sich Berlins Stadtbild zunehmend verdüstert, ist auch am Philips-Turm in Schöneberg zu beobachten. Den ursprünglich mit einer silbergrauen Fassade überzogenen Altbau aus den 70er Jahren prägen nach der Sanierung in dunklen Rahmen eingefasste Glasflächen. Tagsüber wirken sie düster, weil Glas das Licht schluckt – nur wenn am Abend die Räume beleuchtet sind, hellen Glasbauten das Stadtbild auf.

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