Berlin : Arm? Das sind die anderen

Katja Füchsel

Latte Macchiato trinken am Savignyplatz, bummeln in der Uhlandstraße, ins Kino gehen am Ku’damm – das genießt Agnes Bleyleven-Homann, wenn sie privat unterwegs ist. Ihre „Klienten“ trifft sie in dieser Gegend nicht. Doch die Sozialarbeiterin kennt eben auch die andere, die dunkle Seite des gutbürgerlichen Bezirks. „Die Schere zwischen Arm und Reich ist hier besonders offensichtlich – und sie wird immer größer“, sagt die 45-Jährige. Bleyleven-Homann trägt Jeans, die blonden Haare halblang, hinter ihrem Schreibtisch in der Wilmersdorfer Sozial-Beratungsstelle hängt ein gerahmtes Poster der Caritas: „Wir geben mehr als das Nötigste.“

Arm sein, arbeitslos – das ist immer schlimm, aber besonders anstrengend, wenn man allein inmitten von Professoren, Anwälten, Unternehmern und Künstlern lebt. Wenn die Tochter Geige spielen, der Sohn mit der Hockey-AG verreisen will und die Lehrer am ersten Schultag ausgetüftelte Listen schreiben. Da reihen sich die besten Wachsblöcke an die schönsten Malstifte und schnell kommen pro Kind 70 Euro zusammen – Schulranzen und Turnbeutel nicht inbegriffen. „Da wird das Leben zum täglichen Kampf“, sagt Agnes Bleyleven-Homann. Denn die Eltern versuchten alles, um ihren Kindern die gute Schule und den Sportverein weiter bieten zu können. Auch, wenn schon zehn Euro extra das gesamte Familienbudget ins Wanken bringen können.

Als 1983 die Sozialarbeiterin vom Ruhrgebiet nach Berlin kam, da war die Klientel der Caritas noch homogen: Vor allem alte Menschen suchten Hilfe in der Wilmersdorfer Beratungsstelle, die Charlottenburger kümmerten sich viel um die Obdachlosenszene rund um den Bahnhof Zoo und beide um die überschaubare Zahl der „klassischen“ Sozialhilfeempfänger. „Aber jetzt kommen immer mehr ganz normale Familien zu uns“, sagt Agnes Bleyleven-Homann, die selbst zwei Kinder hat. In der Statistik liest sich das so: Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Langzeitarbeitslosen um etwa 2000 Menschen auf rund 17 500. Der Bildungsstandard auf den Fluren der Arbeitsagenturen ist vergleichsweise hoch: Ein Drittel der ALG -II-Empfänger hat Abitur, einen Fachhochschul- oder Uniabschluss.

„Das ist ein schöner Bezirk für meine Arbeit“, sagt Agnes Bleyleven-Homann, fängt an aufzuzählen und hört gar nicht mehr auf: Weil die Eltern kämpfen, Angebote wahrnehmen. Weil es Perspektiven gibt, man als Sozialarbeiter was bewegen kann . . .

Vieles könnte einfacher sein. Wenn Familien in der Schule öfter mal die Hand heben und sagen würden: Stopp, da kommen wir finanziell nicht mehr mit. Denn die Solidarität im Bezirk sei groß. Für die Kinder-Kleiderkammer in der Pfalzburger Straße beispielsweise hat die 45-Jährige aus Platzgründen längst aufgehört zu werben, sie zählt zu den bestsortierten in Berlin: Da reihen sich Markenjeans an Designer-Sweatshirts, und die Plüschtiere daneben sehen aus wie neu. Aber arm – das sind die anderen. „Die meisten in der Gegend halten nach außen immer ihr Fähnchen hoch.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben