Berlin : Auch manche Krankheitserreger mögen es heiß

Der diesjährige Weltgesundheitstag steht unter dem Motto „Klimawandel“. Dieser könnte dazu führen, dass Krankheiten ihr Profil verändern

Adelheid Müller-Lissner

Der Weltklimabericht der Vereinten Nationen brachte es im letzten Jahr deutlich zum Ausdruck: Bis zum Jahr 2100 wird die Temperatur im Mittel aufgrund des Treibhauseffektes mit größter Wahrscheinlichkeit um zwei bis fünf Grad ansteigen. Wenn die Sommer wirklich heißer und trockener und die Winter milder werden, wird sich vielleicht für mitteleuropäische Weinliebhaber einiges zum Guten, für Skifahrer dafür zum Schlechteren entwickeln. Der Klimawandel könnte aber auch dazu führen, dass einige Krankheiten ihr Profil verändern, andere zur hierzulande bisher unbekannten Bedrohung werden.

Pollenallergien, die viele Betroffene bisher als saisonale Belästigung betrachteten, könnten sich bei milden Wintern monatelang hinziehen. Schon jetzt ist erkennbar, dass neben den alten Bekannten auch die extrem aggressive Ambrosiapflanze mittlerweile für Allergiker zur Bedrohung wird. Das mildere Wetter könnte aber auch dem gemeinen Holzbock gefallen, der Zecke, die bei ihrer an sich harmlosen Blutmahlzeit auch die Erreger der Lyme-Borreliose und der Frühsommer- Meningo-Enzephalitis (FSME) übertragen kann. Bei beiden Erkrankungen verzeichnet das Robert-Koch-Institut (RKI) inzwischen eine leichte Zunahme.

Sind ähnliche Veränderungen auch bei den Infektionskrankheiten zu erwarten, die heute meist Menschen in den Tropen gefährden und durch Insekten übertragen werden? Die WHO schätzt, dass heute drei Milliarden Menschen, also fast die Hälfte der Weltbevölkerung, in Malaria- Risikogebieten leben. Ihren Schätzungen zufolge wird die Klimaerwärmung bis zum Jahr 2050 dafür sorgen, dass 200 bis 400 Millionen Menschen mehr an Malaria erkranken werden. Einen mindestens ebenso großen Anteil an der Zunahme wird den Schätzungen zufolge aber das Bevölkerungswachstum haben. Gerade das Beispiel der Malaria, die wir heute vor allem als Reisekrankheit kennen, zeigt nämlich: Die Temperatur ist nicht der allein entscheidende Faktor. Dass die Malaria, die in Europa seit dem 13. Jahrhundert weit verbreitet war, sich seit dem 19. Jahrhundert aus unserem Kontinent zurückgezogen hat, hat nichts mit einer Klimaveränderung zu tun. Wichtig war dagegen, dass Mensch und Tier auch in landwirtschaftlichen Regionen heute deutlicher getrennt leben. Aus dem südlichen Italien verschwand die Malaria in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, als dort Sümpfe trockengelegt wurden und DDT zum Einsatz kam. Heute ist die Malaria geografisch weniger weit verbreitet als vor 100 Jahren. Wo sie jedoch vorkommt, da haben die Erkrankungsfälle drastisch zugenommen – nicht wegen des Klimawandels, sondern weil dort inzwischen mehr Menschen leben, und das unter schlechten sozialen Bedingungen.

Auch beim Denguefieber sind es Mücken, die das Virus übertragen. Für ihre möglichst effektive Vermehrung in der Aedes-Mücke haben die Viren am liebsten eine Außentemperatur von über 30 Grad Celsius. „In den europäischen Städten Belgrad, Rom und Athen ist bereits unter gegenwärtigen Temperaturbedingungen eine saisonale Dengueübertragung möglich“, schreibt Barbara Ebert vom Nationalen Referenzzentrum für tropische Infektionserreger im Hamburger Bernhard-Nocht-Institut in einem Beitrag für das Bundesgesundheitsblatt. Die Wahrscheinlichkeit einer Epidemie steigt, wenn regelmäßig infizierte Reisende das Virus einschleppen. Weil die Mücken, in denen die Viren wachsen und gedeihen, ihre Eier gern in alte Autoreifen legen, stellt zudem der florierende Altreifenhandel theoretisch eine Gefahr dar.

Fazit: Wenn die Temperaturen steigen und für die übertragenden Insekten angenehmer werden, steigt prinzipiell auch das Risiko, dass Infektionskrankheiten wie Malaria und Denguefieber in Mitteleuropa Fuß fassen könnten. Allerdings glauben Experten wie Barbara Ebert, dass auch in Zukunft sozioökonomische und ökologische Faktoren auf deren Ausbreitung einen stärkeren Einfluss behalten werden als das Klima. In dieser Hinsicht leben wir sozusagen auf der Sonnenseite unserer Erde. Und haben weiter allen Grund, uns in der Seuchenbekämpfung global zu engagieren.

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