Berlin : Auf das Schlimmste gefasst

Die Berliner Pazifisten Reinhold Waßmann und Fred Klinger harren trotz der Raketen in Bagdad aus. Sie veranstalten kleine Demonstrationen, hören Deutsche Welle und erwarten die nächsten Angriffe

Lars von Törne

Den beiden Berliner Kriegsgegnern, die weiterhin in Bagdad ausharren, ging es am Donnerstag offenbar den Umständen entsprechend gut. Das sagte der irische Friedensaktivist Michael Birmingham dem Tagesspiegel – allerdings vor dem Beginn der massiven Bombardements, die gestern Abend begannen. „Ich habe Fred Klinger heute Morgen noch auf der Straße getroffen und mit ihm gesprochen“, sagte der 32-jährige Birmingham. Der Pfarrer Fred Klinger (52) und der Ingenieur Reinhold Waßmann (53) sind, wie berichtet, die letzten Friedensaktivisten aus Berlin, die aus Protest gegen den Krieg im Irak geblieben sind, nachdem die meisten Ausländer die Stadt verlassen haben.

Michael Birmingham, der mit zehn Mitgliedern der Friedensgruppe „Voices of the Wilderness“ seit vergangenem Oktober in Bagdad ist, wohnt wie auch Waßmann im Hotel Al-Fanar. „Wir sind am Donnerstag kurz vor den erwarteten ersten Bombardements der britischen und US-amerikanischen Truppen aufgestanden, um die Lage einschätzen zu können“, berichtet Birmingham. „Gegen 5.30 Uhr Ortszeit hörten wir die ersten Explosionen am Stadtrand, sahen aber keinen Rauch.“ Da die ersten Angriffe sich offenbar auf Ziele weit entfernt von der Innenstadt beschränkten, beschlossen die Friedensaktivisten, bis auf weiteres in ihrem Hotel zu bleiben. Zwar gebe es einen kleinen Schutzraum unter dem Gebäude, der nach den ersten Bombardements auch den Ausländern angeboten wurde, sagt er. „Aber so schlimm war es noch nicht, dass wir dort Zuflucht suchen mussten.“

Über den Verbleib der beiden Berliner nach dem Beginn des zweiten Bombardements am Donnerstagabend war bis Redaktionsschluss jedoch nichts zu erfahren.

Birmingham und Klinger hatten am Mittwochabend noch gemeinsam eine improvisierte Demonstration in der Bagdader Innenstadt veranstaltet, mit der sie die ausländischen Korrespondenten über den drohenden Bombenkrieg sowie über die Folgen des jahrelangen Embargos für die Zivilbevölkerung informieren wollten. „Fred hielt eine kleine Rede über die Untersuchungen der Unicef darüber, wie viele Kinder durch das Embargo bisher gestorben sind“, berichtet Michael Birmingham. Seine Worte verhallten in der bedrohten Stadt allerdings weitgehend ungehört: „Die Journalisten waren alle entweder kurz vorm Aufbruch oder eben erst angekommen und hörten gar nicht zu.“

Unter den ausländischen Friedensaktivisten in Bagdad war die Stimmung nach den ersten Bomben ruhig, sagt Michael Birmingham. „Wir sind sehr betroffen, dass die Angriffe begonnen haben und erwarten Schreckliches“, schränkt er ein. „Aber im Moment geht das Leben noch relativ normal weiter“ – wenngleich die Sorge der Bevölkerung stündlich deutlicher spürbar werde.

Das hatte am Donnerstag auch Reinhold Waßmann in einer E-Mail beschrieben, die er seinen Mitstreitern in Deutschland schickte. „Die Menschen auf der Straße werden immer ruhiger, besorgte Gesichter und kein Lachen mehr“, hieß es in dem Schreiben, das der TU-Ingenieur in dem einzigen noch funktionierenden Internet-Café der Stadt verfasst hat. Unabhängige Informationen über den Kriegsverlauf bekommen die Pazifisten nur noch über einen Weltempfänger, den Waßmann bei sich hat. Damit empfängt er Deutsche Welle. Der freie Zugang ins Internet ist von Iraks Regierung offenbar gekappt worden, heißt es am Schluss des Schreibens. Auf kritische Seiten von Friedensgruppen komme er schon lange nicht mehr.

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