Auf den Hund gekommen : Gestatten, Wilmer!

Tagesspiegel-Redakteur Helmut Schümann hatte mal einen Pubertisten zu Hause, der ihn vor manches Problem stellte. Jetzt hat er einen Welpen gekauft. Und alles geht von vorne los.

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Wilmer von der Tillyschanz ist da. Ganz unschuldig mit sechs Wochen und fordernd sowie den Welpenassistenten durch Berlin ziehend .
Wilmer von der Tillyschanz ist da. Ganz unschuldig mit sechs Wochen und fordernd sowie den Welpenassistenten durch Berlin ziehend...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der Vater ist immer noch Vater. Paul hingegen, der hier hinlänglich bekannte Pubertist, ist lange schon aus dem Gröbsten raus. Der Vater nicht, der Vater steckt mitten drin im Gröbsten, der Vater ist auf den Hund gekommen. Um es klar und mit allem gebotenen Schrecken zu sagen: Der Vater ist bis auf Weiteres Welpenassistent. Mag sein, dass daraus einmal ein Rüdenbegleiter wird, man wird sehen.

"Lass endlich meine Zehen in Ruhe!"

Welpenassistent also. Nur Welpenassistent ist er, weil der Welpe, er heißt Wilmer, mit vollem Namen Wilmer von der Tillyschanz, womit ein kleines bisschen Adel in die Familie kommt, man muss allerdings sagen, verarmter Adel bei all den Kosten für den vormaligen Pubertisten und nun für den Hund, und „Wilmer!, lass endlich meine Zehen in Ruhe!“, und äh, jetzt ist der Welpenassistent vom Thema abgekommen.

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Welpe am Laptop: Wenn der Golden Retriever Hundevideos auf Youtube guckt
Welpe am Laptop: Wenn der Golden Retriever Hundevideos auf Youtube guckt

Dass er nur Assistent ist, hat mehrere Gründe. Zum einen, weil Wilmer ohnehin das Sagen hat. Und außer ihm noch Dr. Frauchen. Dr. Frauchen ist, wie man sieht, promoviert und hat schon einmal einen Welpen zum Hund gemacht. Außerdem hat Dr. Frauchen viele Jahre Pferde erzogen und menschlich-männliche Zwillinge. Der Vater indes verfügt nur über die Erfahrung, einen Pubertisten zum Postpubertisten und zum Präerwachsenen geführt zu haben.

Der Welpenassistent war noch bis vor kurzem im Hundehasserverein

Und die Begleitung von Siri und Cleo fällt tierpädagogisch nicht ins Gewicht, die beiden, ruhen sie sanft, waren Katzen, und die sind erziehungsresistent. Außerdem fiel bei der Bewertung der pädagogischen Hierarchie nicht unerheblich ins Gewicht, dass der jetzige Welpenassistent bis vor kurzem langjähriger 1. Vorsitzender des Hundehasservereins war. Hunde sind, und in diesem Zusammenhang ist das böse Wort genehm, Hunde sind, hat der 1. Vorsitzende unter Beifall des Hundehasservereins propagiert, Hunde sind devote Scheißer.

Aber Wilmer ist anders.

Wilmers World. Hier beim geduldigen Warten vor dem Futterladen. Herrchen besorgt unterdessen was Gutes.
Wilmers World. Hier beim geduldigen Warten vor dem Futterladen. Herrchen besorgt unterdessen was Gutes.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Leben ist seitdem irgendwie auch anders. Dr. Frauchen verbringt jetzt die Morgenstunden immer noch im Nachthemd. Aber dazu trägt sie Moonboots. Angeblich, weil Wilmer sonst an ihren rot lackierten Zehen knabbert. Aber das ist nicht mal die halbe Wahrheit. Wilmer ist sich mit seinem Assistenten einig, dass Dr. Frauchen diesen Aufzug nur trägt, weil sie darin unmöglich morgens um sechs Uhr im Hof stehen kann, um Wilmer im Gebüsch beim Pieseln zu überwachen. Das macht jetzt der Assistent. In Bademantel und Adiletten. Und wenn das Geschäft erfolgreich war, macht der Assistent im Bademantel und Adiletten den Horst: „Fein Wilmer, prima Wilmer, toll Wilmer! Fein, fein, fein! Fein gepieselt.“ Anschließend knabbert Wilmer an den Assistentenzehen. Wenn jemand den Assistenten bei diesen Lobesarien belauscht, dürfte dessen Ruf als eigentlich vernunftbegabter Mitbürger auf dem Spiel stehen.

Gut gekaut ist halb verdaut - obwohl der weiße Prachtkerl eher nur aus Spaß auf Ästen herumbeißt.
Gut gekaut ist halb verdaut - obwohl der weiße Prachtkerl eher nur aus Spaß auf Ästen herumbeißt.Foto: Chritiane Tramitz

Das war vor zwei Wochen. Da war Wilmer zehn Wochen alt und schon zwei Wochen bei Dr. Frauchen und dem Assistenten. Der Assistent hatte sich natürlich vorbereitet und gelesen, dass Welpen niemals nach nur acht Wochen von der Mutter getrennt werden dürfen. Als der Assistent Wilmer dann bei der im Netz auf der Suche nach einer inzestfreien Zucht gefundenen Züchterin in Tillyschanz in der Oberpfalz abholte, pieselte Wilmer dem Assistenten als Erstes auf die Schuhe. Seine Mutter, eine Ida vom Deiselberg, wollte da schon nichts mehr von ihm wissen. Der Vater, offensichtlich ein ziemlicher Hallodri mit dem irreführenden Namen Back to the Roots Joker vom Nonnenbach, hatte sich schon gleich nach dem Zeugungsakt aus dem Staub gemacht und war im fernen Cuxhaven geblieben. Von wegen Nonnenbach.

Wäre Wilmer eine Katze, würde er schnurren

Trotz dieses schwierigen Starts schaut Wilmer sehr entspannt und gelassen ins Leben. Und dann räkelte sich Wilmer gemütlich in seinem Körbchen auf dem Rücksitz des Transportautos. Auf gleiche Weise räkelt er sich nun tagtäglich durch Berlin. Wäre Wilmer Katze, würde er schnurren. Und der Assistent denkt, wenn Traumatisierung so aussieht, möchte er auch traumatisiert werden.

Die Welt der Hundebesitzer ist eine Besondere

Noch ein Wort zum Namen. Eigentlich hieß Wilmer Bilbo. Alle seine sieben Geschwister hatten Namen, die mit B anfangen. Die Züchterin hatte gesagt, dass dieser Wurf der Wurf ihres Lebens sei. Und auf die Frage, der wievielte Wurf das denn sei, hatte sie geantwortet, der zweite, deswegen auch die Bs, der B-Wurf. Da ahnte der spätere Welpenassistent schon, dass die Welt der Hundebesitzer eine irgendwie besondere Welt sei. Ja, und weil der Assistent in Wilmersdorf wohnt und Dr. Frauchen auch, wurde aus Bilbo logischerweise Wilmer. Und darauf hört er jetzt. Wenn er hört.

Ab geht's. Ob er da noch später hineinpasst?
Ab geht's. Ob er da noch später hineinpasst?Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wilmer, nicht Wilma. Weil Wilmer ein Rüde ist und ein Golden Retriever, also so ein kuscheliger Familienhund, der, so hofft der Assistent, garantiert immer nur spielen will. Damit das gelingt, war der Welpenassistent jetzt auch schon mal in einem dieser Supermärkte für Tiere. Es braucht ja so einiges, Langohrfressnäpfe zum Beispiel, damit Wilmers Ohren beim Fressen nicht ins Fressen lappen. Und was es da nicht alles gibt, in diesem Supermarkt für Hunde. Zusammen mit dem langen Vortrag der sehr kompetenten und netten Züchterin über die vernünftige Ernährung Wilmers war der Welpenassistent regelrecht erschlagen von dem Angebot. Da musste Dr. Frauchen erst mal ihre Kompetenz ausspielen. Derweil Wilmer das Regal mit den aberwitzigsten Hundespielzeugen anbellte und sich dann für einen Elch aus Stoff entschied.

Und dann hat der Assistent gelesen, dass auch Hunde so etwas wie Flegeljahre kennen. Hundepubertisten. Wenn es so weit ist, Wilmer, schlägt die große Stunde des Assistenten. Damit kennt er sich aus.

WIE ES WEITERGEHT. Ab sofort jeden Sonnabend berichtet Helmut Schümann über sein Leben als "Welpenassistent" auf der ersten Seite im Lokalteil des Tagesspiegels und natürlich auch online unter:
www.tagesspiegel.de/welpen

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