Berlin : AUF DEUTSCH GESAGT „In keinster Weise“ ist in keiner Weise zu rechtfertigen

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Wenn Politiker reden, dann wollen sie für ihre Anliegen werben. In der Regel. Manchmal aber drücken sie sich um klare Worte, weil es den Wähler verprellen könnte. Wie Politiker sprechen und was sie wirklich meinen – künftig alle zwei Wochen von Brigitte Grunert.

Was denn nun? Müssen unsere Nachkommen ertrinken oder verdursten? Beim Oder und Elbe-Hochwasser sahen wir schon die Norddeutsche Tiefebene im Meer versinken. Da wir es aber nach den größten Flutkatastrophen mit der größten Dürrekatastrophe zu tun haben, weissagen die Auguren eine trostlose Zukunft in der Steppe, der Wüste gar. Egal, wovon uns schlecht wird. Hauptsache, wir reden in Superlativen. Wenn schon Veränderungen, dann bitte sensationelle, wenn schon Ängste, dann panische. Wir sind anspruchsvoll, auch wenn es nicht mehr höher, schneller, weiter nach oben geht, sondern, hui, abwärts – tiefer, schlimmer, elender. Wieso stehen überhaupt noch Kastanien in Berlin? Die Miniermotten müssten sie doch schon alle vertilgt haben.

Hier soll im Ernst nicht der Sorglosigkeit das Wort geredet werden. Aber warum müssen wir immer übertreiben und aus allem viel mehr oder weniger machen als dran ist? Der Berliner Schuldenberg ist nicht gefährlich hoch. Nein, er ist exorbitant (gewaltig), er ist kolossal, also übertrieben gewaltig, da haben wir es. Und wer das bestreitet, ist in keinster Weise im Bilde. Die Regierung werde ihren Aufgaben in keinster Weise gerecht, behauptet jede Opposition. Und jede Regierung behauptet, die Vorwürfe der Opposition seien in keinster Weise gerechtfertigt. Beides ist natürlich Unsinn, zumindest sprachlich.

Kein und ein und nichts sind nicht steigerbar, du und ich ja auch nicht. Wenn es weder nieselt noch in Strippen regnet, dann regnet es eben in keiner Form, aber nicht in keinster. Der einzige Regentag in einer Woche ist auch nur einer. Trotzdem hören wir oft vom einzigsten, ohne jedes Sprachgefühl.

Dabei sind wir doch sonst so sensibel. Seit dem Dresdener Bombenfund gehe man „noch sensibler“ mit verdächtigen Gepäckstücken um, wurde der Chef der Bahnpolizei am Zoo in der Presse zitiert. Der CDU-Fraktionsgeschäftsführer Frank Henkel sagte mir, man müsse „sensibler mit Ernst Reuter umgehen“. Politiker ermahnen sich ständig gegenseitig zum sensiblen Umgang mit Menschen, Sachverhalten und Entwicklungen, mit der Klimaveränderung, der Lärmbelästigung, dem Wasserverbrauch, dem Denkmalschutz, mit den Rentnern, Lehrern, Mietern, der Abschiebung von Ausländern und so weiter. So vieldeutig kann doch das Wort sensibel nicht sein. Gemeint ist ja auch ganz Unterschiedliches – Vorsicht, Umsicht, Fingerspitzengefühl, die Erfüllung von Wünschen und Forderungen dieser und jener Klientel, Gerechtigkeit, vernünftige Entscheidungen. Doch: „Erst denken sie nicht, und dann drücken sie’s schlecht aus“, schrieb Kurt Tucholsky in einer seiner Sprachglossen.

Sensibilität bedeutet Empfindsamkeit und Reizempfindlichkeit. Das sind menschliche Eigenschaften, die nicht für politische Aussagen taugen. Nur hört sich sensibel immer gut an. Es klingt nach Verständnis, Mitempfinden und Schutz. Merkwürdig ist wiederum, dass in der Politik keinem, der sich gegen Unterstellungen wehrt, Sensibilität bescheinigt wird. Man urteilt strafend, er sei beleidigt. Bestenfalls gilt er als überempfindlich. Schon wieder so eine geschwollene Steigerung. Über ist eine Präposition und eine Vorsilbe. Sie wird bedenkenlos vor ein Adjektiv geklebt, fertig ist der dicke Klops, der einem im Halse stecken bleiben müsste: überempfindlich, übergroß, übergenau, überdimensional. Also an die Überschlauen hat der Berliner eine ironische Frage: Hamses nich ’ne Nummer kleener?

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