Berlin : Auf Durchzug gestellt

Am Bahnhof Zoo ist es ruhiger geworden Die Geschäftsleute fürchten um ihre Zukunft

Dorothee Schmidt

„Nächster Halt: Zoologischer Garten. Übergang zum Fern- und Regionalverkehr, zur S-Bahn, U9 und zum Metrobus.“ Die Ansage der U-Bahn hat sich dem neuen Fahrplan noch nicht angepasst. Seit Sonntag halten die Züge des Fernverkehrs nicht mehr am Bahnhof Zoo. Letzte Woche waren es noch 146. Noch immer ziehen Reisende ihre großen Koffer und Trolleys hinter sich her, amerikanische Rucksack-Touristen fragen nach dem Weg. Aber es ist ruhiger geworden in den Läden und Buden.

„Das Geschäft können Sie vergessen, hier ist tote Hose“, sagt ein Kioskbesitzer. Mehr als die Hälfte des Umsatzes sei weggefallen. Er hofft, dass die Weltmeisterschaft Kunden bringt. Genau wie der junge Mann hinter dem Tresen der „Hotel Reservation“, der glaubt, dass er sich nach der WM einem neuen Job suchen muss. Bis Montagmittag wollte noch niemand bei ihm ein Hotelzimmer buchen.

Ein älterer Mann, der nach Cuxhaven fährt, sagt, er hätte am Hauptbahnhof „von ganz oben nach ganz unten“ umsteigen müssen „in sechs bis acht Minuten“. Der Zoo sei ihm sowieso „der liebste Bahnhof“. Nun fährt er von hier über Spandau nach Hause an die Nordsee. Die Floristin im Blumenladen empfindet die Lage „erträglich“. Sie habe es sich schlimmer vorgestellt. Ein Taxifahrer sagt, das Geschäft laufe „genauso wie sonst“, denn 75 Prozent der Taxifahrer stünden jetzt am Hauptbahnhof. Auch der Müllmann räumt „nicht merklich weniger Müll“ weg als sonst. „Die Arbeit bleibt, man muss seine Runden machen.“

120 000 bis 130 000 Reisende täglich nutzen den Bahnhof immer noch. 20 000 weniger als vor dem Fahrplanwechsel, sagt Bahn-Sprecher Holger Auferkamp. Wenn gerade kein Regionalzug nach Cottbus, Eisenhüttenstadt oder Rathenow fährt, sind die vier Bahngleise verwaist. ICE-Züge fahren zwar noch immer durch den Bahnhof, aber sie halten nicht. „Zugdurchfahrt“ steht stattdessen auf den Anzeige-Tafeln. Dass „Zoo“ mehr war als ein Regionalbahnhof, daran erinnern noch die Wagenstandsanzeiger. Auf ihnen sind seit Sonntag aber nur noch die fünf Nachtzüge nach Wien, Paris und Zürich, Dortmund und München vermerkt. Das „Intercity-Restaurant“ im Bahnhof wirkt nun ein wenig fehl am Platz. Die „DB Lounge“ für Erste-Klasse-Kunden wird nach der WM geschlossen. Die Bahnhofsmission hilft nun zwar nicht mehr so vielen Menschen beim Ein- und Aussteigen, aber die Obdachlosen bleiben hier, sagt ein freiwilliger Helfer. „Am Hauptbahnhof versucht die Bahnpolizei, sie sofort rauszudrängen. Der ist nur für Reisende.“ Am Zoo werden auch weiterhin täglich 1000 Portionen Essen verteilt, nun vor allem durch ehrenamtliche Helfer. Die Hauptamtlichen arbeiten am Hauptbahnhof.

Am Nachmittag kommen sieben Schulklassen aus Bruchköbel bei Frankfurt am Bahnhof Zoo an. In Spandau seien sie umgestiegen, sagt ein Lehrer, sind nun auf dem Weg nach Alt-Moabit. Die Schüler verstopfen mit ihren Koffern den Zugang zur U-Bahn und der Bahnhof wirkt für einen Moment so geschäftig wie früher. Heute motzt kein Berliner darüber.

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