Berlin : Auf eigenen Füßen

Die 10-jährige Semay Ince liebt Sport. Und sie will einen Platz im Schnellläufer-Gymnasium. Ihre Mutter unterstützt so viel Ehrgeiz. Sie stammt aus einer Alevitenfamilie. Sie erzieht ihr Kind liberal

Susanne Vieth-Entus

Sportplatz Blücherstraße.

Wann genau sie mit dem Fußball angefangen hat, weiß Semay nicht mehr. Aber eines ist klar: Es macht ihr wahnsinnig viel Spaß. Und sie spielt gut. Das sieht man, wenn sie über den Sportplatz neben der Kreuzberger Aziz-Nesin-Grundschule rennt und den Ball vor sich hertreibt. Und das hört man, wenn die Jungen neidlos zugeben, dass Semay besser spielt als mancher von ihnen.

Semay findet nichts Besonderes daran, dass sie das einzige Mädchen in der Fußball-AG ist. Auch nicht daran, dass sie zusätzlich noch zweimal die Woche in ihrem Verein BFC Südring spielt. Dass sie außerdem beim Schwimmverein FC Welle ihre Bahnen zieht, erwähnt sie auch nur so nebenbei.

„Ich habe noch nie gehört, dass Mädchen nicht schwimmen sollen“, sagt sie, während sie mit den Jungen auf den Anpfiff wartet. Von Eltern, die ihre Töchter aus religiösen oder moralischen Gründen vom Schwimmunterricht abmelden, ist ihr noch nie was zu Ohren gekommen. Fremde Welten. Unwichtig. Wichtig ist nur, alles unter einen Hut zu kriegen: den ganzen Sport und die Hausaufgaben. Die Zehnjährige ist im bilingualen deutsch-türkischen Zweig der Aziz-Nesin-Europaschule. Und sie will gute Noten haben, damit es schon in diesem Sommer klappt mit dem Sprung auf ein Express-Abi-Gymnasium. Mal sehen. Ach ja, und dann wäre es schön, wenn sie irgendwann „Schauspielerin oder Komikerin“ werden könnte.

Dass Mädchen die gleichen Türen offen stehen wie Jungen, war für Semay nie ein Thema. Sie geht einfach davon aus.

Zu Hause in der Baerwaldstraße.

Semays Eltern sind Aleviten. Ihre Großmutter kam schon 1969 nach Berlin – in der hohen Zeit der türkischen Zuwanderung. 1970 holte sie ihre damals fünfjährige Tochter Yazgülü aus der Heimat nach. „Meine Mutter trug noch ein Kopftuch, aber unterm Kinn geknotet und sie schminkte sich“, erzählt Yazgülü Ince. Wenn Fremde sich darüber wundern, dass sie und ihre beiden Töchter keine Kopftücher tragen und überhaupt tun, was sie wollen, muss sie immer darauf hinweisen, dass es eben große Unterschiede gibt zwischen den zugewanderten Türken. Und vor allem zwischen Aleviten und Sunniten. „Bei den Aleviten ist alles anders“, schickt die Vierzigjährige voraus, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, ihre Glaubensgemeinschaft habe irgendetwas mit Zwangsehe oder anderen illiberalen Traditionen zu tun. „Die streng gläubigen Muslime sagen, dass wir gar keine Muslime sind, sondern Christen“, sagt sie belustigt. Sie selbst geht nicht in die Moschee und fastet nicht. Und ihren Ehemann hat sie auch selbst ausgesucht. Sie hat ihn im Urlaub kennen gelernt in der Türkei. Das Hochzeitsbild gehört zu ihren liebsten Schmuckstücken im Wohnzimmer. Sie stellt es gut sichtbar auf den Tisch.

Yazgülü Ince wäre gern Krankenschwester geworden. Aber sie traute sich die Ausbildung nicht zu wegen ihrer unzureichenden Deutschkenntnisse. Immerhin haben sie und ihr Mann Arbeit: Seit 1984 ist sie als Küchenhilfe im Martin-Luther-Krankenhaus beschäftigt. Ihre Töchter sollen aber bessere Chancen bekommen. „Frauen müssen auf eigenen Füßen stehen können. Eine Frau ist keine Handtasche, kein Anhängsel.“ Yazgülü Ince wäre froh, wenn alle türkischen Mütter ihre Töchter in diesem Sinne erziehen würden. Und ihre Söhne auch.

Ein bisschen unheimlich ist ihr schon wegen der vielen Strenggläubigen in der Stadt und angesichts der zunehmenden Zahl von Kopftüchern um sie herum. „Wenn diese Leute wählen können, wählen sie rechts und islamisch“, glaubt Yazgülü Ince, die die liberale Tageszeitung Milliyet liest. Es macht ihr Sorge, was sie im Zusammenhang mit den so genannten Ehrenmorden liest, und sie hat „Angst vor den Konservativen, die einem keine Luft zum Atmen lassen“.

Als Yazgülü Ince in den siebziger Jahren ihre Kreuzberger Hauptschule besuchte, waren Kopftücher kaum ein Thema. Jetzt hört sie von einer jungen Bekannten, die unbedingt ein Kopftuch tragen will, „damit ihr keine Schlangen aus den Haaren wachsen“. Offenbar gebe es Leute in der Stadt, die jungen Mädchen solche Horrorgeschichten erzählten, um sie einzuschüchtern. In der Arbeit sei plötzlich eine Kollegin mit Kopftuch aufgetaucht, die bisher immer unbedeckt war. Und immer häufiger komme es vor, dass sie sich dafür rechtfertigen müsse, nicht zu fasten.

Längst hat der Streit zwischen den konservativen und den liberalen Türken auch die Schulen erreicht. Besonders deutlich hat sich der Zwiespalt an Semays Schule gezeigt. Als die liberalen Eltern durchsetzten, dass die Europaschule nach dem progressiven Schriftsteller und Satiriker Aziz Nesin benannt werden sollte, holten mehr als zwei Dutzend Familien demonstrativ ihre Kinder von der Schule. Jetzt ist niemand mehr da, der Semay einreden könnte, dass „gute Mädchen“ nicht zum Schwimmunterricht gehen. Oder beim Fußballspielen das Kopftuch auflassen müssen.

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