Berlin : Auf große Fahrt gehen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Emma kennt jetzt einen Witz. „Gehen zwei Tomaten über die Straße. Sagt die eine: Aufpassen, ein Auto. Plitsch! Fragt die andere: Wo? Platsch!“ Ich weiß, hat so einen Bart. Aber für Emma ist die Nummer taufrisch, meine Tochter ist ja erst drei.

Anfangs habe ich auch tapfer mitgelacht. Aber inzwischen sind mir die Lachmuskeln ein bisschen eingefroren. Das liegt daran, dass es der einzige Witz ist, den sie kennt, und sie hat ihn mir in den letzten drei Wochen schon, sagen wir, ein paar Mal erzählt. Außerdem ist mir ungefähr bei der 50. Wiederholung schlagartig der sehr ernste Kern des Witzes bewusst geworden: der verkehrserzieherische Aspekt.

Die viel befahrene Straße, an der wir in Kreuzberg wohnen, nährt unablässig meine väterliche Besorgnis, dass es meiner Tochter einmal gehen könnte wie einer dieser unglückseligen Tomaten. Eine Furcht, die sich auch auf Emma übertragen hat. Gesunder Respekt vor der Straße kann ja Kindern nur nützen. Aber in größter panischer Verzweiflung habe ich Emma erlebt, als sie aus einem Alptraum erwachte, in dem sie mit ihrem Dreirad auf die Straße gerollt war, während sie ein Auto auf sich zurasen sah.

Damit Kinder solche Ängste in den Griff kriegen und die Macht über das Bedrohende zurückerlangen, müssen sie selbst mal am Steuer sitzen dürfen. Aber wo dürfen Dreijährige heute noch am motorisierten Verkehr teilnehmen? In meiner Kindheit war das anders. Als ich so alt war wie Emma, saß ich auf dem Schoß unseres Nachbarn und durfte sein Auto, einen alten Lloyd, durchs Dorf lenken. Der alte Mann war nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt, aber ich habe mich trotzdem gut aufgehoben gefühlt in seinen Händen – obwohl er nur eine davon bewegen konnte.

So ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer können Kinder heute nur in Brandenburg erleben. Nicht auf der Straße, aber auf dem Wasser. Denn dort braucht man für kleine Motorboote keinen Führerschein. Wir fahren nach Werder, mieten uns ein Boot mit Außenborder. Auf der Havel übernimmt Emma das Ruder. Schon nach wenigen Minuten lenkt sie uns wie ein alter Seebär.

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