Berlin : Auf Hitlers Spuren im Sand

Der Führerbunker lässt den Maler Erhard Schreier nicht los. Ein neues Buch zeigt seine Bilder

Lothar Heinke

„Ungefähr hier hat sich Hitler das Leben genommen.“ Die jungen Leute, denen der Stadtführer hinter der Wilhelmstraße die Stelle zeigen möchte, blicken ratlos: Nichts mehr da. Ein Spielplatz, ein Parkplatz, eine einsame Pappel. Die Geschichte liegt unter Sand und Pflastersteinen. Nur Filme und Bücher erinnern immer wieder an das Ende des Diktators im Führerbunker. Gestern stellte Wieland Giebel, der neben der Buchhandlung „Berlin Story“ Unter den Linden nun auch einen Verlag hat, ein neues Bändchen vor. Für den „Mythos Führerbunker“ (Giebel Verlag, 120 Seiten, 12 Euro) sammelte Sven Felix Kellerhoff intensiv alles zum Hitler-Keller, vom Bau der Anlagen über das „Sterben der Höhlenbewohner“ bis zum Umgang mit den Betonresten.

Ein Kronzeuge war dabei, als Ost-Berliner Tiefbauer 1988 die Mauern des Führerbunkers beseitigten, um Platz für die Wohnanlage zwischen Voß- und Behrenstraße zu schaffen. Der Maler und Grafiker Erhard Schreier hat fast 1500 Fotos, hunderte Studien und große Handzeichnungen angefertigt, einige davon illustrieren das neue Bunker-Buch. Schreier, heute 69 Jahre alt, erzählt uns, wie es ihm damals gelang, auf den streng abgeschirmten Bauplatz zu kommen: „Ich bin in der damaligen Otto-Grotewohl- Straße, der heutigen Wilhelmstraße, in eine Polizeisperre geraten. ,Hier wird wat jesprengt‘, hieß es.“ Neugierig geworden ging Schreier in die Richtung, aus der ein heftiger Knall gekommen war. Langsam verzogen sich dort die Staubwolken. „Was wurde denn hier gesprengt?“, fragte er einen Bauarbeiter. „Na, Adolfs Bunker!“ Was dann folgt, klingt wie ein Krimi: Schreier schmuggelte sich auf die Baustelle, zeichnete wie besessen als blinder Passagier auf dem Abbruchdampfer und gehörte bald irgendwie als Kollege Künstler zu dem Bauarbeiter-Kollektiv, das die geborstenen Träger, Zementdecken und Stahlbetonplatten verschwinden ließ. Zuvor aber dokumentierte Erhard Schreier die Räume, Decken und Wände. Nachdem ihm der Generaldirektor der Ost-Berliner Baudirektion Ehrhardt Gißke diese Arbeit ermöglicht hatte, arbeitete er „wie im Fieberwahn“.

Nicht alles ist abgeräumt. Die Fundamentplatte des erst 1944 erbauten Hauptbunkers, zwei Meter dick, 28 mal 28 Meter groß, liegt noch zehn Meter tief im Boden, auch die Seitenwände, auf denen eine vier Meter starke Deckenplatte lag. Vom Vorbunker sei nur die Decke weg. Der Maler sagt, „die Sache“ lasse ihn nicht los, weil er damals den Atem der Geschichte gefühlt habe. Das Deutsche Historische Museum hat sieben Bunker-Bilder erworben, Gemälde ganz anderer Art – Porträts, Landschaften – zeugen in diversen Ausstellungen von der Vielseitigkeit des Künstlers, dem der Zufall die spannendste Arbeit seines Lebens zugespielt hatte – ein Werk, das nun in den Schränken ruht und kaum jemanden interessiert. Es sei denn, er plane das nächste Buch zum Führerbunker, ganz ohne Mythos.

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