Berlin : Auf lauten Sohlen

Durch neue Messen ist Berlin wieder Modestadt. Davon profitieren auch alteingesessene Firmen

Grit Thönnissen

Berlin, eine Modestadt? Noch vor zwei Jahren hätten viele Skeptiker, zumal die in Berlin, solche Ansprüche weit von sich gewiesen. Zwei Jahre nachdem die Modemessen Bread & Butter und die Premium exhibitions zum ersten Mal Fachbesucher an die Spree luden, um ihnen die neuesten Kollektionen aus Sports- und Streetwear zu zeigen, sieht das ganz anders aus. Inzwischen kommen auch Unternehmen wie Hugo Boss und Escada nach Berlin, junge Designer eröffnen Ateliers, und Modeagenturen und Firmensitze größerer Modemarken werden nach Berlin verlegt.

Aber es gibt auch noch vereinzelt Modemacher mit mehr Tradition in der Stadt, die von der Aufbruchstimmung profitieren. Frank Henke zum Beispiel ist seit 40 Jahren in Berlin tätig. Er gehört mit den Marken Blacky Dress und Jean Paul zu den letzten großen Konfektionsbetrieben, die es von ehemals 750 noch gibt. „Dem Umfeld geht es schlecht, bei uns geht es aufwärts“, sagt Henke, der eigentlich schon seit vier Jahren im Ruhestand sein wollte. 2001 hatte der 75-Jährige die Firma seinem Nachfolger übergeben. Als die Umsätze einbrachen, kam Henke vor zwei Jahren zurück.

Er konzentrierte sich ganz auf die Kernmarken Jean Paul und Blacky Dress, erhöhte die Qualität und die Preise. Er blieb aber seiner Zielgruppe treu: Frauen von 30 bis 50 plus. Damit passt er nicht wirklich zu den auf ein junges Publikum ausgerichteten Messen Bread & Butter oder Premium, die am Wochenende wieder Modefans in die Stadt locken. Er präsentiert seine Kollektion weiterhin in Düsseldorf auf der traditionellen Modemesse CPD. 55 Prozent seines Umsatzes, der im vergangenen Jahr 22 Millionen Euro betrug, macht Henke in Deutschland. Zum wichtigsten Exportland hat sich Russland entwickelt. „Dort entsteht eine Mittelschicht, die westliche Marken will, die erschwinglich sind“, sagt Henke.

Angeschaut hat sich Henke die Berliner Messen schon und stellt überrascht fest: „Berlin ist trendy geworden.“ Davon soll auch seine Firma profitieren: Die Entwürfe für Herbst/Winter 2005 werden am Sonnabend einem Fachpublikum auf einer Modenschau in der Friedrichstraße präsentiert. Dass Blacky Dress und Jean Paul Berliner Marken sind, will Henke ab Mitte Februar auch einem breiten Publikum klar machen: Mit der Eröffnung des ersten eigenen Flagshipstores am Kurfürstendamm, Ecke Uhlandstraße.

Trippen ist gleich mit drei Läden in der Stadt präsent. Die Schuhfirma hat ihren Sitz in einer Fabriketage in Treptow. Dort stapeln sich meterweise die Schuhkartons bis zur Decke. Angela Spieth und Michael Oehler begannen vor elf Jahren in einer kleinen Werkstatt in Kreuzberg, Schuhe mit extravaganten Holzabsätzen herzustellen. Seitdem expandiert Trippen kontinuierlich, vor allem ins Ausland: Es gibt vier Läden in Japan und weitere 250 Verkaufsstellen in der ganzen Welt. Längst gibt es mehr als Holz-Modelle. 100 Mitarbeiter beschäftigt die Firma in Deutschland, davon 40 in der eigenen Schuhfabrik im brandenburgischen Zehdenick. Die Produktionsstätte existierte schon zu DDR-Zeiten, Trippen übernahm die arbeitslos gewordenen Schuhfertiger. Mit 120000 Paar Schuhen machte Trippen zuletzt einen Jahresumsatz von sieben Millionen Euro.

Mit Berlin hat der Erfolg wenig zu tun, findet Carola Gause, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei Trippen. „Natürlich ist es hilfreich, dass ausländische Kunden mit Berlin ein positives Image im Bereich der Mode verbinden. Aber für uns sind die Messen uninteressant.“ Trippen präsentiert sich lieber in Düsseldorf und Paris. Vom Modewochenende profitiert Trippen dennoch – Einzelhändler können im Showroom Ware bestellen und in den Berliner Geschäften ist Hochbetrieb. Für Trippen war der Standort Berlin aber noch aus einem anderen Grund ideal als Ausgangsort: „Nirgendwo anders wäre es finanziell möglich gewesen, so eine experimentelle Werkstatt einzurichten, wie am Anfang in Kreuzberg“, sagt Carola Gause.

Sehr viel stärker nimmt die Strickdesignerin Claudia Skoda Anteil an dem Modetrubel der letzten zwei Jahre. „Ich fühle mich wie auf einem Welttableau“, sagt die Berlinerin, die ihren Laden 2000 vom Kurfürstendamm in die Alte Schönhauser Straße nach Mitte verlegte. Eigentlich wollte die Designerin ihre ausgefallenen Kollektionen nur noch im eigenen Geschäft verkaufen. Aber sie bekam zuletzt so viele Anfragen von Einzelhändlern, dass sie nun eine neue Linie ins Leben gerufen hat: „Clask“, heißt die Strickkollektion, die in Bielefeld hergestellt wird und auf der Düsseldorfer CPD Ende Januar vorgestellt wird. Sie soll jünger, kommerzieller und günstiger als die Linie „Claudia Skoda“ sein.

„Durch den ganzen Hype in Berlin ist Claudia Skoda wieder zu einem angesagten Label geworden“, hat die 61-Jährige erstaunt festgestellt. Kaum jemand kennt den Modestandort so gut wie Claudia Skoda, die seit den 70er Jahren in Berlin entwirft. Manchmal, sagt sie, braucht es halt die richtigen Leute, die zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zusammentreffen: „Da kommt eine Sportswearmesse wie die Bread & Butter, und Mode in Berlin funktioniert.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben