Auf Tour durchs unbekannte Revier : Warum Polizistinnen Migrantinnen den Alex zeigen

Vielen Migrantinnen fehlt der Mut, Sehenswürdigkeiten in der eigenen Stadt zu bereisen. Zwei Kommissarinnen vom Alexanderplatz fahren deshalb monatlich nach Wedding, um Frauen ihr Revier zu zeigen.

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Ausgezeichnet. Tina Löffler und Victoria Schwiethal-Heuermann wurden vom Bundesinnenministerium für ihr Projekt „Mitte(n)drin“ geehrt. Die beiden Beamtinnen laden Frauen aus Einwandererfamilien ein, um ihnen Mitte zu zeigen. Foto: Mike Wolff
Ausgezeichnet. Tina Löffler und Victoria Schwiethal-Heuermann wurden vom Bundesinnenministerium für ihr Projekt „Mitte(n)drin“...

Am Anfang stand der Mangel, erst dann kam die Idee: Weil die Kommissarinnen Tina Löffler und Victoria Schwiethal-Heuermann Integrationsbeauftragte eines Polizeiabschnitts sind, in dem es mehr Bürogebäude und Sehenswürdigkeiten gibt als Menschen mit Migrationshintergrund, mussten sie Anfang des Jahres ein wenig überlegen, mit welcher Aktion sie sich am stadtweiten „TiK“-Projekt zum „Transfer interkultureller Kompetenz“ beteiligen konnten. Der Geistesblitz kam schnell: „Wenn die Zielgruppe nicht hier ist, laden wir sie eben aus Wedding ein“, sagt Victoria Schwiethal-Scheuermann. „Wir holen sie sogar ab“, ergänzt ihre Kollegin Tina Löffler. Seit Juni sind die beiden monatlich von ihrer Dienststelle am Alexanderplatz nach Wedding und mit einer muslimischen Frauengruppe zurückgefahren. Monatlich haben sie den Frauen die Sehenswürdigkeiten rund um Fernsehturm und Weltzeituhr gezeigt. In Begleitung der Polizistinnen, die bei diesen Terminen ganz bewusst in Uniform auftraten, fanden die Frauen den Mut, Orte in der eigenen Stadt zu bereisen, die sie zum Teil noch nie gesehen hatten. „Eine Frau war sogar seit 23 Jahren nicht mehr mit Bus und Bahn unterwegs gewesen, für die war schon die Fahrt ein Highlight“, sagt Schwiethal-Heuermann.

Bei ihrem Projekt „Mitte(n)drin“, das jetzt als einzige Berliner Initiative mit dem Integrationspreis des Bundesinnenministeriums ausgezeichnet wurde, geht es aber längst nicht nur um behördlich gefördertes Sightseeing: „Wir erklären den Frauen auch, wie Polizeiarbeit funktioniert, versuchen, Schwellenängste abzubauen – und hinterher bei Bedarf auch auf der entstandenen Vertrauensbasis Kontakte zu den entsprechenden Dienststellen in den Bezirken zu vermitteln“, erklärt Löffler, Präventionsbeauftragte des Abschnitts. Ein festes Curriculum gibt es laut Victoria Schwiethal-Heuermann, zweiter Kopf des Präventionsteams und Verkehrssicherheitsberaterin, nicht: „Die Frauen wollen von sich aus unglaublich viel wissen, deshalb bieten wir nach den Touren auch noch ein Kaffeetrinken in der Dienststelle an.“ Das Spektrum der Fragen reiche dabei von ganz simplen Fragen zu den Polizeibefugnissen bei Verkehrskontrollen bis hin zu der Frage nach Ansprechpartnern bei Missbrauch und häuslicher Gewalt.

Eine weitere Sache, die die Frauen sehr interessiere: die Berufsperspektiven bei der Polizei. „Die meisten der Frauen haben Kinder, bei denen gerade die Berufsplanung ansteht“, sagt Tina Löffler. Polizeiarbeit sei für viele die große Unbekannte, an die sie sich nicht richtig herantrauen. „Auch da helfen wir, Schwellenängste abzubauen.“

Allgemein sei die Kommunikation mit den Frauengruppen, die zu Anfang von den Dienststellen der jeweiligen Bezirke, mittlerweile zunehmend von „Veteraninnen“ der vorangegangenen Führungen vermittelt würden, deutlich unproblematischer als gedacht. Bei den Stadtführungen ergebe es sich immer, dass Frauen mit guten Sprachkenntnissen für die mit einem geringeren Wortschatz übersetzten. Dabei werde übrigens stets das Vorurteil widerlegt, dass die deutsche Sprachkompetenz bei verschleierten Muslima geringer ausgeprägt sei als bei denen ohne Kopftuch. „Über die Frauen wissen wir auch, wie peinlich die ganze Sarrazin-Debatte die muslimische Gemeinde berührt“, erzählt Victoria Schwiethal-Heuermann. „Viele wollen schon keine Nachrichten mehr hören, weil ihnen alles zu viel wird.“

Wirkliche Probleme mit der interkulturellen Kommunikation haben die beiden Polizistinnen bei ihren bisherigen Führungen nach eigener Aussage noch nicht erlebt: „Die Frauen, die wir erreichen können, sind meist sehr aufgeschlossen“, sagt Tina Löffler. Lediglich an die chronische Unpünktlichkeit hätten sie und ihre Kollegin sich gewöhnen müssen. Die anfängliche Schüchternheit und Befangenheit gegenüber den uniformierten Deutschen, die sie auch immer wieder beobachten, hätten aber bis jetzt noch alle Gruppen nach und nach ablegen können. „Am Ende wird man umarmt, dann werden Fotos gemacht und Gegeneinladungen ausgesprochen“, sagt Victoria Schwiethal-Heuermann lächelnd. Gegeneinladungen, die die Beamtinnen gerne annehmen: „Bei den Touren selbst wird die Zeit am Ende immer knapp.“ Für die Zukunft wünschen sich die beiden Polizistinnen noch viel mehr interessierte Muslima und viele Nachahmerprojekte: „Was in Mitte geht, geht auch in Friedrichshain-Kreuzberg – das ist von jedem kopierbar, in ganz Deutschland“, ist Tina Löffler sicher. Die Auszeichnung des Bundesinnenministeriums, die beide als „tolle Anerkennung“ empfinden, sei dafür das richtige Signal. Die eigenen Touren wollen die beiden Polizistinnen im März wieder aufnehmen – wenn das Wetter besser ist.

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