Berlin : Auf verlorenem Posten

Auch die Fußball-WM soll den Abriss des Palasts der Republik nicht aufhalten. Nur Kultursenator Flierl möchte noch Aufschub

Marc Neller

In Berlin wird Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) dafür kritisiert, dass sie den Abriss des Palastes der Republik auch für die Fußball-Weltmeisterschaft nicht aufschieben will – und somit ein zentraler Platz als Veranstaltungsort für das Begleitprogramm entfällt. Auf Bundesebene erhält sie jetzt aber Rückendeckung, und auch der Fußball-Weltverband Fifa hat keine Bedenken.

Manfred Stolpe (SPD), Bundesminister für Bauen und Verkehr, beschied gestern, es bestehe parteiübergreifend Einigkeit darüber, dass der Palast „zügig abgerissen“ wird. Sein Sprecher Jürgen Frank sagte gestern: „So hat es der Bundestag beschlossen. Und so sollte es auch umgesetzt werden.“ Wie, das sei nun alleine die Sache des Berliner Senats. Stolpe halte nichts davon, die Abriss-Diskussion wegen der Fußball-WM noch einmal neu zu führen. „Es gab eine Zeit lang zu viele Beteiligte, die alle Unterschiedliches wollten und das ständig kundgetan haben. Es ist gut, dass es jetzt eine einheitliche Haltung gibt.“ Ende 2003 hatte Stolpe dafür plädiert, den Abriss des Palastes angesichts der Haushaltslage „um Jahre“ zu verschieben. Auch der stellvertretende Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, Peter Gauweiler (CSU), hält es für richtig, den Abriss nicht wegen der vielen Touristen zu verschieben, die zur WM erwartet werden. „Ich denke, der Berliner Senat trifft die richtige Entscheidung, wenn er endlich mit den Abrissarbeiten beginnt. Es hat ja lange genug gedauert.“ Zwar sehe der Bundestagsbeschluss keinen konkreten Termin vor. Die Formulierung „zügig abreißen“ schließe einen Abriss nach der WM aus. „Man würde sonst nur den notorischen Verhinderern Recht geben.“

Das entspricht der Linie der Stadtentwicklungssenatorin. Gebetsmühlenartig wiederholt Junge-Reyers Sprecherin Manuela Damianakis derzeit die Losung: „Am Abriss in diesem Jahr führt kein Weg vorbei. Es gibt einen entsprechenden Beschluss des Bundestages. Und an den werden wir uns halten.“

Der Bundestagsbeschluss ist drei Jahre alt. Seit mehr als zehn Jahren wird über den Abriss diskutiert. Trotzdem findet sich auch auf Bundesebene derzeit niemand, der sich offen für einen weiteren Aufschub der Berliner Abrisspläne auf die Zeit nach der WM ausspricht. WM-Organisatoren und Sponsoren hätten den Platz gerne genutzt: Der Sportartikel-Hersteller Adidas wollte ein Fanstadion auf dem Schloßplatz errichten. Kein ausreichendes Argument für die Bundestagsfraktion der Union, für deren Geschmack sich der Abriss ohnehin schon zu lange hinzieht. „Eine Baustelle ist immer noch attraktiver als die Palastruine“, hieß es gestern. Und Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) sieht keinen Grund zum Umdenken. „Wir haben den Abriss begrüßt. Daran ändern auch mögliche Überschneidungen mit der Fußball-Weltmeisterschaft nichts“, sagte ein Sprecher.

Da zudem die Fifa auf Anfrage keinerlei Bedenken äußerte, sieht es so aus, als hätte es Kultursenator Thomas Flierl (PDS) schwer, den Abriss doch noch aufzuschieben. Flierls Büroleiter Diedrich Wulfert sagte: „Eine Brache an diesem Ort zu solch einer bedeutenden Veranstaltung gibt kein gutes Bild ab.“ Es solle erst abgerissen werden, wenn es ein Anschlussprojekt gebe. „Bis zum Abriss im Dezember wird es nicht gelingen, ein Konzept für eine Anschlussnutzung vorzulegen.“

Es deutet also vieles darauf hin, dass es dabei bleibt: Am Alexanderplatz, am Palast der Republik, Unter den Linden, auf der Straße des 17. Juni – überall wird im kommenden Sommer gebaut. Rund um den Alexanderplatz werden die Arbeiten an den Straßen nicht abgeschlossen sein. Und wann ein Neubau den Palasts der Republik ersetzt, vermag niemand zu sagen.

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