Berlin : Auf Wachstumskurs

Fußball-WM 2006? Schon diesen Herbst gibt es in Berlin eine Weltmeisterschaft – im Barttragen. Die Organisatoren rotieren bereits

Sebastian Leber

Eine knappe Stunde braucht Lutz Giese morgens, um seinen 20-Zentimeter-Schnäuzer in Form zu bringen: Erst die Rundbürste, dann das Haarspray, danach das ungarische Bartwachs und zum Schluss das bayerische. Wenn der Bart perfekt stehen soll, gibt’s oben drauf noch etwas Bienenwachs. In letzter Zeit kommt Giese immer seltener dazu, die ganze Prozedur bis zum Ende durchzuziehen – der Mann hat ordentlich Stress.

Lutz Giese ist Präsident und Mitbegründer des 1. Berliner Bartclubs und als solcher für die Ausrichtung der nächsten Weltmeisterschaften im Barttragen zuständig. Am 1. Oktober werden sich rund 400 Bärtige aus aller Welt in Berlin versammeln und die Besten unter sich ausmachen. Das gebe „keine Ulkveranstaltung“, sondern einen richtig harten Wettkampf, ist sich Giese sicher. Umso wichtiger, dass die WM vorher ganz genau durchgeplant wird: Angestrengt arbeiten die 20 Clubmitglieder derzeit am Programmablauf, verschicken Einladungen und suchen Sponsoren. Als Austragungsort sind die Tegeler Seeterrassen gebucht. Auf ihrer letzten Sitzung haben sich die Vereinsmitglieder erste Gedanken über die richtigen Trophäen gemacht: Soll der Bart des Siegers als Hologramm verewigt werden? Oder wäre eine Trophäe mit deutlichem Berlin-Bezug sinnvoller – etwa ein bärtiger Stoffbär?

Durchgeplant ist auch das Regelwerk. Weil es so viele unterschiedliche Barttypen gibt, hat der Verband Deutscher Bartclubs (VDB) 16 offizielle Kategorien aufgestellt, so etwa den „Vollbart Verdi“, den „Kinnbart Musketier“ oder den „Schnurrbart Dali“. Wer sich die Haare seines Vollbarts oberhalb des Mundes mit Haarspray in die Höhe frisiert, trägt einen „Vollbart Oberlippe gestylt“. „Naturale“ heißt ein Bart, wenn keine Hilfsmittel wie Wachs, Lack oder Gel verwendet werden, solche Bärte sind meistens weniger geschwungen. Leider komme es bei Wettkämpfen immer wieder vor, dass Teilnehmer heimlich zum Haarspray greifen und trotzdem in der Kategorie Naturale starten, sagt Giese. Deshalb wird für die WM eine Vorjury gebraucht, die vor Wettkampfbeginn alle Bärte abtastet und Schwindlern das Handwerk legt.

Ganz legal ist dagegen der Trick, den Gieses Vereinskollege Norbert Ginzel bei Wettkämpfen anwendet: Als Träger eines Kinnbarts Musketier hat er sich ein blaues Kostüm mit 4500 Goldpailletten zugelegt – „für den perfekten Musketier-Look“. Zwar würden offiziell nur die Bärte bewertet, aber ein stilvolles Gesamtbild könne nicht schaden, meint Ginzel. Überhaupt bezeichnet er sich als „ziemlich eitel“, das treffe aber auf alle Clubmitglieder zu, schließlich hebe man sich mit den „geschwungenen kleinen Meisterwerken“ klar vom Durchschnittsbürger ab. Entgegen gängiger Klischees hätten Bartträger auch keine Sauberkeitsprobleme: „Erstens essen wir generell vorsichtiger, und zweitens meiden wir Fleischsalat und Quark.“

250 Bartträger haben bislang ihre Teilnahme an den Meisterschaften fest zugesagt, darunter auch zwei aus der Ukraine und Pakistan. Als Zugeständnis an die vielen US-amerikanischen Starter haben die Veranstalter für die WM ausnahmsweise eine 17. Kategorie zugelassen: den Sideburner, einen besonders buschigen Backenbart. Erschwert wird die Aufstellung der Regeln durch ein Kompetenzgerangel auf Funktionärsebene. Im vorigen Jahr hat sich ein „Weltverband der Bärte“ gegründet, ohne aber den VDB oder die darin organisierten Bartclubs einzubeziehen. Der Weltverband hat nun versucht, Einfluss auf die bevorstehende Meisterschaft zu nehmen. Eine Anmaßung, findet Berlins Club-Präsident Giese. Trotzdem bleibt er optimistisch: „Das wird diesmal eine runde Sache.“ Für das Jahr 2000 war schon einmal eine große internationale Bart-Meisterschaft in Berlin geplant. Weil Sponsoren ausblieben und sich auch die Stadt mit Unterstützung zurückhielt, musste der Wettbewerb abgesagt werden – ein „Schlag für die gesamte organisierte Bartbewegung“, wie Giese meint.

Bei vergangenen Titelkämpfen hat der Berliner Bartclub immer gut abgeräumt, in den Reihen der 20 Aktiven befinden sich ein aktueller Weltmeister, drei Vize-Weltmeister und drei Europameister. Auch für den Wettbewerb im Oktober rechnen sich die Berliner Chancen aus. Wer aber im Einzelnen antritt, steht noch nicht fest.

Einer wird garantiert keinen Titel gewinnen: Vereinsmitglied Dr. Detleff Steinhöfel verwechselte bei der morgendlichen Pflege das ungarische Bartwachs mit der Enthaarungscreme seiner Frau. Zwar sei der Bart inzwischen wieder teilweise nachgewachsen, sagt Giese, für einen Weltmeister-Titel reiche das aber nie und nimmer.

Der 1. Berliner Bartclub ist offen für neue Mitglieder und sucht Helfer für die WM. Wer Interesse hat, kann sich telefonisch unter 8731789 melden.

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