Berlin : Aufstand gegen die Dealer

Sie hatte ihren Ruf weg als Drogenkiez, die Sackgasse der Dresdener Straße zwischen „Kotti“ und Oranienplatz Jetzt wehren sich die Anwohner. Und die GSW vermietet nun lieber an kreative Einsteiger als an solvente Wettbüros

Susanne Leimstoll

„Ich bin kein Wilmersdorfer und kein Prenzlauer Berger. Das hier ist der Kiez für mich“, sagt Joachim Semrau. Die Dielen in seinem Laden glänzen wie Nuggets. Goldener Boden für seine Geschäftsidee. Kann ja nur was werden. Semrau hat sich vor ein paar Wochen mit Designermode für Frauen bis Größe 48 selbstständig gemacht. Mit 42 Jahren. In der Kreuzberger Sackgasse zwischen Kottbusser Tor und Oranienplatz – dort, wo das Babylon ein etwas anderes Kinoprogramm bietet, der „Gorgonzola Club“, Freunde der italienischen Küche und der „Würgeengel“ das Nachtvolk anziehen. Das ist mutig. In den Räumen von Joachim Semrau war vorher eine Weinhandlung und später ein Reisebüro. Beide sind raus, freiwillig. Das Reisebüro hat aufgegeben, weil im Hinterhof gedealt wurde. Der Qualm der Joints waberte ins Geschäft, das vertrieb die Kundschaft. Draußen standen sie bis vor Kurzem in Trauben um die Dealer. Die Dresdener Straße hatte ihren Ruf weg: ein Drogenkiez. Hinten, in der Nähe des vom Senat eingerichteten Druckraumes, die Heroinsüchtigen, vorne die Jungs mit den weichen Drogen. Anwohnern und Geschäftsleuten reichte es. Sie rufen die Polizei, sie wenden sich ans Quartiersmanagement. Die Wohnungsbaugesellschaft GSW zieht mit. Wer mit einer ordentlichen Geschäftsidee kommt, kann schöne Ladenräume zu kleinsten Mietpreisen haben. Die neue Zweckgemeinschaft hat ein Motto: türkische Wettbüros und Internet-Cafés raus. Mit ihnen, sagen die Anwohner, kamen die Dealer. Warum sollte der Wandel glücken? „Sie hat was, diese Straße“, sagt Joachim Semrau. „Zum Beispiel Leute, die das Herz am rechten Fleck haben.“ Und diese irre Mischung von Läden. „Nennen Sie mir“, sagt Leuchten-Designerin Anna Maria Spieß, „ eine Straße in Berlin, die ein solches Full House an Geschäftsideen auf den Tisch legt. Na?“

DER CAFÉBETREIBER

Ismail Karayüz gilt als der „König der Straße“. Der 50-Jährige ist der gute Pate. Er hilft. Dass Berliner hier Läden aufmachen, findet er klasse. Deutsches, am liebsten internationales Publikum will er in der Dresdener sehen. Sein Bistro sieht nicht aus wie ein türkischer Imbiss: Segafredo-Reklame über der Espresso-Maschine, auf der Karte Croissants, Baguette, warmer Toast, Omelette, Tomaten mit Mozzarella. Seine Frau steht hinter der Theke. Heute hat sie mediterranes Gemüse mit Hackfleisch-Bällchen gekocht. Ismail stammt aus Izmir, seit 1969 lebt er in Berlin, seinen Laden betreibt er seit 15 Jahren. Dass die Dealer- und Kifferszene so stark geworden ist, hat ihm nicht gefallen. Er hat die Vermieter alarmiert, hat der Polizei gesagt, sie soll mal mehr kontrollieren. Das hat die gemacht, er hat einen guten Draht. „Hab’ früher mal beim Polizeisportverein geboxt.“ Die Beamten trinken ihren Kaffee bei ihm. Er war einer der Wortführer, als das Quartiersmanagement am 1. März eine Anwohnerversammlung einberief. Karayüz sagt, er hat die meisten der jungen türkischen Männer, die im Kiez dealen, aufwachsen sehen. Die haben keine Ausbildung, keinen Job, lassen sich anwerben und ernähren mit dem Verdienst die ganze Familie. Ismail hatte die Nase voll, dass vor dem Laden gedealt wurde. „Ich bin raus und habe denen gesagt, geht hier weg, ihr schädigt mein Geschäft, ich muss hier auch meine Familie ernähren. Wenn ihr nicht abhaut, fließt hier Blut.“ Er findet, seit die Polizei regelmäßig patrouilliert, „ist alles gut“.

DER GLASER

Dirk Arlt, 42, hat seinen Handwerksbetrieb im hinteren Teil der Dresdener, nahe am NKZ, der bröckelnden Betonburg Neues Kreuzberger Zentrum, hinterm Drogenumschlagplatz Kottbusser Tor. Er kennt den Kiez seit 1998, da hat er die Glaserei vom Vorgänger übernommen. Er wohnt auch dort. Demnächst zieht er mit Frau und zweijähriger Tochter weg. Chamissoplatz. Auch des Kindes wegen. Gleich neben seinem Geschäft das „SKA“, der „Kontaktladen für Drogenabhängige mit integriertem Konsumraum“. „Da ist eine richtige Meile für Junkies entstanden, die wurden richtig reingezogen in die Dresdener“, sagt er. Oft, wenn die Leute sich im Druckraum Stoff geholt haben, taumeln sie zugeballert auf die Straße. Dann geht Arlt schon mal rüber und sagt, könnt ihr die nicht noch länger drin behalten, bis sie wieder klar sind? Das vertreibt einem ja die Kundschaft. Im Wohnhaus gibt es auch Probleme: „Die drücken dort, verrichten ihre Notdurft, dealen.“ Dirk Arlt wird sein Geschäft in der Dresdener halten. Erfahrene Kollegen haben gesagt: Bleib, die Kunden kennen deine Kunst- und Bauglaserei seit 20 Jahren. Dirk Arlt macht, „die Politik“ verantwortlich für die Situation des Quartiers. Er hat nicht die große Hoffnung, dass der Kiez sich wandelt. Auch nicht, wenn, wie vom Bezirksamt vorgesehen, Gehwege verbreitert und Bäume gepflanzt werden.

DIE GÄRTNERIN

Sabine Zelles Pflanzkübel stehen vor den meisten Läden in dieser Gegend: freundliche Türdekorationen aus Zweigen, Wiesenblumen, Kräutern. Als hätte jemand den Garten in die Stadt geholt. Die 49-Jährige bepflanzt Plätze, Höfe, Balkone, Schaufenster. Ihren Laden „Artdoor“ hat sie vor zwei Jahren in der Dresdener bezogen – ein grüner Ort, dessen Pflänzchen sich übers Trottoir bis an die Straßenkante ziehen. Sabine Zelles Traum ist, aus der Dresdener eine Spielstraße zu machen. Damit ist sie bisher nicht vorwärts gekommen, aufgegeben hat sie nicht. Mit dem Wandel der Straße geht es ihr nicht schnell genug. Dem Quartiersmanagement bescheinigt sie Untätigkeit, die Polizei hätte sie gerne aktiver. Sie findet, die Beamten sollten eher eingreifen. Neulich habe ihr einer geantwortet, den sie darauf angesprochen hat: „Um Gottes willen, wissen Sie, wie viel Papierkram das nach sich zieht?“ Polizeipräsenz in der ganzen Straße ist nicht machbar – wegen des Druckraumes hinten. Es gibt eine Vereinbarung, dass die Polizei sich in der Ecke nicht so oft sehen lässt, damit die Junkies sich überhaupt zum „SKA“ trauen. Gegenüber, am Ende der Straße, steht die Kita. Manchmal staunt Sabine Zelle, wie die „im Elfenbeinturm sitzen“ und wegsehen. Am meisten, findet sie, engagierten sich in der Dresdener die Bewohner und Gewerbetreibenden. „Ich trage was zum Wandel der Straße bei, weil ich sie mit meinen Pflanzen attraktiver mache.“

DIE LAMPEN-DESIGNERINNEN

Silvia Maria Spieß und Catherine Grigull sind vor ein paar Monaten aus der Oranienstraße hierher gezogen, sitzen zur Untermiete im hinteren Ladenraum der Töpferei O-Ton, im schmucksten Haus der Straße, dem mit den grün-blauen Kacheln außen. Sie verkaufen selbst entworfene Papierleuchten, allesamt Unikate. Mittlerweile kommen die Kunden aus Wilmersdorf, Zehlendorf, Lichterfelde. Den Damen, die mit dem Auto anreisen und sich vor Parkplatznot fürchten, sagen sie: „Das ist eine Türkenstraße. Da kann man in der zweiten Reihe halten.“ Das hilft auch. Probleme mit dem Drogenthema haben die beiden allenfalls, wenn mittwochs im benachbarten Drogenhilfe-Laden Idefix der Tierarzt kommt. Dann stehen die Junkies Schlange, um ihre Hunde behandeln zu lassen. „Die sitzen uns förmlich in der Tür, manche Kunden trauen sich dann kaum rein.“ Ansonsten kommt man gut aus mit der Nachbarschaft. Der Trägerverein Fixpunkt betreibt unter anderem „Infektionsprophylaxe“: Junkies sollen sich nicht mit verdreckten Spritzen infizieren. Silvia Maria Spieß steht auf die Mischung aus Geschäften und Einrichtungen in der kleinen Dresdener. Keine 20 Häuser auf jeder Seite, aber zwei afrikanische Läden und die angesagte Bar „Würgeengel“, in der man Schauspielervolk trifft, das Programmkino, die Kita, der Bioladen am vorderen Eck und das schöne Schmuckgeschäft von Manuel Fritz. Am anderen Ende die Bar Möbel Olfe, wo die Homoszene am liebsten trinken geht. Wer Fußball gucken will, geht ins „Franzi“, die Kneipe Franziskaner. Ob sie in diesen Kiez passen, haben sich die Designerinnen nie gefragt. „Wir sind anders und besonders mit unserer Geschäftsidee, wieso sollen die anderen das nicht sein?“

DIE MODEMACHER

Seit ein paar Tagen erst hat Joachim Semrau, 42, gelernter Sozialarbeiter, die Leuchtreklame am Laden und das Logo an der Fensterscheibe: „Allet rund“ berlinert die kippelige Schreibschrift. Dahinter dreht ein Diskokugel-Motor eine hängende Schaufensterpuppe, Konfektionsgröße 46. In der Auslage bunte Klamotten: Was für Üppige, was für Schlankere, nichts für Hungerharken. Hier gibt es auffällige Designerkleider und Feinschmecker-Schokolade. Später will Semrau Damenunterwäsche dazunehmen. Semrau startet hoffnungsfroh in seine neue Existenz. Sieben Jahre hat er Problemjugendliche in WGs betreut, heute noch berät er „Ex-Junkies und Alkis“ für Bewerbungsgespräche. Nun will er seine kreative Seite leben, hat den Laden liebevoll ausgestattet und mit dem Modedesigner Rafael Moratschke eine Idee umgesetzt: ein Label, „Leibwerk“, mit frechen Klamotten, die schlanken und runden Frauen stehen. Röcke, die mitwachsen. Die, weil wendbar, zwei Kleidungsstücke sind. Oberteile, die kaschieren und doch Taille und Dekolletee zeigen. „Was für die unzickige, sinnliche Frau“, sagt der 35-jährige Moratschke, seit 1997 freiberuflicher Modedesigner. Die beiden sind überzeugt, dass sie in Berlin und in Kreuzberg und in der Dresdener am richtigen Fleck sind. „Die Frauen, die sich trauen, wohnen hier“, sagen sie. Der GSW zahlt Joachim Semrau für 80 Quadratmeter Laden, Bad und Küche erst mal nur 500 Euro warm. Das war seine Existenzgründungshilfe. Er verlässt sich darauf, dass keine weiteren Wettbüros in die Nähe kommen. Für den ehemaligen Kinderladen ein paar Häuser weiter hat der Mann, der bei der GSW für die Gewerberäume in Kreuzberg zuständig ist, Eberhard Reis, eine Mieterin gefunden, die unter humanen, „sauberen“ Bedingungen produzierte Kleidung anbieten will. Den Avancen von Wettbüros oder einem türkischen Spätkauf hat Reis widerstanden. Er hat die leitenden GSW-Herren davon überzeugt, dass die üppigsten Mietzahlungsangebote nicht immer die beste Lösung für eine Straße sind.

Joachim Semrau glaubt, dass die Dresdener und ihr buntes Angebot sich herumsprechen in Berlin. Eben schleppt eine Stylistin, die zahlungskräftige Kundinnen einkleidet, jemand ins Geschäft und wühlt sich durchs Angebot. „Ach“, sagt Joachim Semrau, „ich finde das doch alles sehr spannend, was hier passiert.“

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