Aufstieg und Fall einer Zeitungsstadt : Wie Berlin zur Presse-Metropole wurde

2633 Blätter gab es in Berlin vor dem Krieg. Sie konzentrierten sich rund um die Kochstraße – wie heute wieder. Warum? Antworten gibt das gerade neu aufgelegte Standardwerk „Zeitungsstadt Berlin“. Ein Abdruck in Auszügen.

Peter de Mendelssohn
Im Kaiserreich gab es keine politische Opposition. Diese Funktion übernahm die "Meinungspresse", was ihr eine schnell wachsende Bedeutung verlieh. Es herrschte ein harter Konkurrenzkampf um die Leser der Drei-Millionen-Stadt Berlin.
Im Kaiserreich gab es keine politische Opposition. Diese Funktion übernahm die "Meinungspresse", was ihr eine schnell wachsende...Foto: bpk / Münchner Stadtmuseum

In Berlin gab es keine Zeitungen. Die Stadt hatte ein Viertel ihrer Einwohner verloren. Sie erlebte den gewalttätigsten Wendepunkt ihrer gesamten Geschichte. Die ganze Welt verfolgte atemlos den Lauf des Geschehens, und überall auf dem Erdball war man über den Kampf um Berlin rascher und zuverlässiger unterrichtet als in Berlin selbst.

Zum ersten Mal in ihrem langen, bewegten Leben war die große Stadt völlig abgeschnitten vom übrigen Deutschland, von Europa, von der Welt und nicht zuletzt von sich selbst. Es gab kein Wasser, keine Elektrizität, kein Gas; es gab fast keine Lebensmittel und überhaupt keine Verkehrsmittel. Es gab keinen Rundfunk. Es gab keine Zeitungen.

Man schrieb die letzte Aprilwoche des Jahres 1945. Am 1. Mai fiel Berlin; die Sowjetarmee besetzte es. Aber noch am 3. Mai notierte ein norwegischer Journalist in seinem Tagebuch, es sei unmöglich festzustellen, was eigentlich vor sich gehe: „Die Absperrung von der Umwelt ist noch immer vollständig. Das einzige, was wir hören, sind lose Gerüchte, mehr oder weniger glaubwürdig. Russische Soldaten erzählen uns, dass die Meldungen von Hitlers Heldentod im Kampf nur faschistische Lügenpropaganda seien …“

Es war nicht das erste Mal in der Geschichte der Stadt, dass russische Truppen in Berlin standen. Es war das dritte Mal. Aber es war das erste Mal, dass die Berliner nicht aus ihren Zeitungen erfuhren, was sich in ihrer eigenen Stadt ereignete.

Am 3. Oktober 1760 erschien der russische General von Tottleben an der Spitze von fünftausend Mann vor der Stadt und beschoß die Friedrichstadt vom Tempelhofer Feld aus. Er besetzte die Stadt, plünderte sie aus und zog am 12. Oktober wieder ab. Während seines neuntägigen Regiments nahmen Berlins Zeitungen freilich vorsichtshalber ein Blatt vor den Mund. Aber sie schwiegen nicht still.

Ein halbes Jahrhundert später standen die Russen abermals in Berlin. Diesmal freilich waren sie nicht als Eroberer, sondern als Befreier gekommen; und diesmal brauchten Berlins Zeitungen kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Aus der „Spenerschen Zeitung“ erfuhren die Berliner in klarer und sachlicher Berichterstattung, was sich beim Abzug der Franzosen unter Eugen Beauharnais ereignete: »Am 4. März 1813 räumte die französische Garnison vor Tagesanbruch die Stadt und defilierte zum Halleschen Thor hinaus. Während dies auf der Südseite der Stadt geschah, drang von der Nordseite her die russische leichte Kavallerie unter dem General Tschernitscheff gegen das Oranienburger Thor. (...) Ihr Einmarsch ging durch die gedrängten Reihen des Volkes, das von allen Seiten hinzuströmte und ihnen den freundlichsten Willkommen entgegenbrachte. (...) Die Russen verfolgten hiernächst auf mehreren Straßen den Feind und wiederholten ihre Angriffe, namentlich in der Nachbarschaft der Dörfer Schöneberg und Steglitz, wobei die Franzosen an Toten und Gefangenen gegen viertehalbhundert Mann verloren. An Nachzüglern und Verspäteten waren in der Stadt 218 Mann aufgegriffen worden und in den Hospitälern an Verwundeten und Kranken ungefähr 1600 Mann in russische Gefangenschaft geraten.“

Das letzte Zeitung blieb vor der Druckerei liegen

Anderthalb Jahrhunderte später war es anders. Vom 23. April 1945 an drangen die Truppen der Sowjetarmee in die Vorstädte Berlins ein, in die Außenbezirke und weiter in die Straßen der großen Stadt. Im Norden, Süden, Osten, Westen fiel Ortsteil um Ortsteil. Am 25. April 1945 wurden Lichterfelde, Lankwitz und Treptow gestürmt. Am folgenden Tag standen die Russen in Dahlem. Am 27. April erreichten Marschall Koniews Truppen Steglitz, Schmargendorf und Grunewald. Am gleichen Tag stürmte Marschall Schukow Neukölln und Tempelhof. Hier, in dem mächtigen rostbraunen, weithin sichtbaren Turmbau des großen Druckhauses am Teltowkanal, vor weniger als zwei Jahrzehnten in der Hochblüte der „Stadt der Zeitungen“ von den Brüdern Ullstein errichtet, war Berlins letzte Zeitung erschienen.

Diese Zeitung hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem, was die Erbauer dieses Hauses unter einer Zeitung verstanden hatten. Sie hatte mit dem, was die Berliner, einst das zeitungsversessenste und zeitungsverwöhnteste Volk der Welt, sich unter einer Zeitung vorstellten, nichts gemein. Dieses Blatt hatte vier Seiten und war nur halb so groß wie die herkömmliche Berliner Mittagszeitung. Es hatte keinen Verleger, keine Redaktion, keine Anzeigen, keinen Vertrieb; nicht einmal seine Druckerei war genannt. Es enthielt außer dem Tagesbericht des Oberkommandos der Wehrmacht nichts, was man selbst bei größter Dehnung des Begriffs hätte eine Nachricht nennen können. Es war einzig in seiner Art: es enthielt nicht ein wahres Wort. So hatte es auch keinen Preis. Es wurde nicht verkauft, sondern kostenlos verteilt. In der rechten oberen Ecke stand: „Lesen und weitergeben!“ Die Berliner beachteten weder die eine noch die andere Aufforderung.

Dieses Blatt hieß „Der Panzerbär“, mit dem Untertitel „Kampfblatt für die Verteidiger Groß-Berlins“. Als Herausgeber zeichnete etwas, das sich bündig „Dienststelle Fp.-Nr. 67 700“ nannte. Die erste Nummer erschien am 23. April 1945, die letzte am 29. April. Diese letzte Nummer wurde nicht einmal mehr verteilt. Große Stöße davon lagen auf der Straße herum. Dort blieben sie liegen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar