Berlin : Aus den großen Ferien direkt in den Warnstreik Auf geht’s zur Schule!

2000 Lehrer demonstrierten trotz Präsenzpflicht in den Schulen auf dem Alex gegen die Arbeitszeiterhöhung

Susanne Vieth-Entus

Keine Kampfstimmung, aber der Wunsch zusammenzuhalten, das war wohl das vorherrschende Motiv für rund 2000 Lehrer, die gestern an einer GEW-Kundgebung auf dem Alex teilnahmen. Sie alle hatten den ersten verpflichtenden „Präsenztag“ an ihren Schulen unter- oder abgebrochen, um dagegen zu protestieren, dass die Lehrer als einzige Berufsgruppe im öffentlichen Dienst nicht von der Rücknahme der Arbeitszeiterhöhung profitieren. Gewerkschaftschef Ulrich Thöne kündigte unter eher ungläubigem Applaus an, man werde „den Widerstand sammeln, und dann wird dem Regierenden Bürgermeister das Lachen vergehen“.

Die Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld könne man noch verschmerzen, aber nicht die hohe Unterrichtsverpflichtung – dies war die vorherrschende Meinung auf der Kundgebung. Die meisten Lehrer waren sich einig, dass die Unterrichtsqualität leidet, wenn sie 26 oder 28 Stunden pro Woche vor der Klasse stehen müssen. Und immer wieder wurde bedauert, dass keine Nachwuchskräfte eingestellt werden. Es gebe inzwischen so wenig Kollegen unter 40, dass man sie „im Vitrinenschrank zur Schau stellen müsste“, schlug ein Schulleiter vom Podium aus vor und erntete ein befreites Lachen von den gefrusteten Zuhörern.

Einigkeit herrschte unter den Pädagogen auch darüber, dass der gestrige „Präsenztag“ an sich keine schlechte Idee sei. Es mache sowieso Sinn, einiges vor Ferienende gemeinsam vorzubereiten, meinten zwei Grundschullehrerinnen. Ärgerlich sei aber die Art und Weise, wie die Bildungsverwaltung das Ganze durchgezogen habe – etwa die Vorschrift, acht Stunden in den Schulen „abzusitzen“. Und dann das Hin und Her des Senats, der am letzen Schultag vor den Ferien aus drei plötzlich einen Präsenztag gemacht habe, um die Nicht-Rücknahme der Arbeitszeiterhöhung besser „verkaufen“ zu können.

Dennoch haben viele Schulen ihr ursprüngliches Drei-Tage-Programm mit Fortbildungen und Dienstbesprechungen voll durchgezogen oder waren sogar die ganze Woche da, wie etwa die Kollegen der Reinickendorfer Greenwich-Hauptschule, die ihre neuen Fachräume einrichteten. Wie auch viele anderen Pädagogen konnten sie nur lachen über die Bürokratie der Bildungsverwaltung, die sonst immer so lange für alles braucht, jetzt aber pünktlich die Formblätter faxte, auf denen die Schulleiter akribisch notieren sollen, welche Lehrer wie lange den Präsenztag zwecks Teilnahme an der Kundgebung auf dem Alex „bestreikten“.

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