Berlin : Aus Kladow ins Camp nach Kabul

Berliner Lazarettregiment wird nach Afghanistan verlegt

Rainer W. During

In der Kladower Blücher-Kaserne herrscht Aufbruchstimmung. Als erste Berliner Truppe wird in diesem Monat ein Teil des Lazarettregiments 31 in Afghanistan eingesetzt. Rund 100 Angehörige der Einheit werden zusammen mit 80 Soldaten, die überwiegend aus den neuen Bundesländern stammen, für ein halbes Jahr das Einsatzlazarett der Bundeswehr in Kabul betreiben. Viel hat Oberfeldarzt Jörg Hillebrandt bei seiner „Erkundungsfahrt“ in der vergangenen Woche nicht von der afghanischen Hauptstadt gesehen. Die Eindrücke des Kommandeurs beschränkten sich auf die Blicke durch den Sehschlitz des Panzerfahrzeugs, das ihn vom Flughafen zum neun Kilometer Luftlinie entfernten Camp „Warehouse“ der internationalen IFOR-Schutztruppe brachte. Dort befindet sich auch das aus rund 200 Containern bestehende Feldlazarett. Mit den Abteilungen für Chirurgie, Innere Medizin, Augen- und Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten, Urologie, Neurologie und Psychiatrie sowie Röntgen entspricht das Leistungsspektrum einem heimatlichen Kreiskrankenhaus.

Die erst im vergangenen Jahr von Hildesheim in die Bundeshauptstadt verlegte Einheit besteht überwiegend aus Sanitätspersonal. Dazu kommen Klima- und Medizingerätetechniker. Die Ärzte werden von den Bundeswehrkrankenhäusern abkommandiert. In Lehnin und Weißenfels wurden die Teilnehmer auf ihren Einsatz vorbereitet. Binnen drei Wochen geht der Truppenaustausch Ende Mai über die Bühne. Eigenes Gerät ist nicht im Gepäck, man übernimmt die vorhandenen Einrichtungen. Von Köln/Bonn aus fliegen die Berliner zunächst nach Termez (Usbekistan). Von dort aus geht es dann in mit Raketenabwehrsystemen ausgestatteten Transall-Transportflugzeugen über den Hindukusch ins 1800 Meter hoch gelegene Kabul.

Dort erwarten die Soldaten Temperaturen von über 40 Grad. „Wer nicht mindestens fünf bis sechs Liter Flüssigkeit am Tag trinkt, dem droht ein Kreislaufkollaps“, sagt der Allgemein- und Betriebsmediziner Hillebrandt. Geimpft wurden die Soldaten gegen alle nur denkbaren Tropenkrankheiten und – wegen der vielen streunenden Hunde – auch gegen Tollwut. Dank eigener Küche und Wäscherei ist die Truppe weitgehend autonom. Die meisten Wohnzelte sind längst festen Wohnbauten gewichen.

Das gesicherte Camp wird von den Angehörigen der Sanitätstruppe nur zu so genannten Medevac-Einsätzen verlassen. Die dreiköpfigen Teams – Rettungsmediziner und -sanitäter sowie Kraftfahrer – wurden an der Münchner Sanitätsakademie der Bundeswehr speziell für ihre Aufgabe geschult. Sie begleiten in gepanzerten Fahrzeugen Patrouillen und Bombenentschärfungsteams, bergen mit Hilfe von Rettungshubschraubern Verwundete. Minen und Blindgänger aus 25 Kriegsjahren zählen neben drohenden Anschlägen zu den Hauptgefahren für Militärs und Zivilisten, berichtet der 43-jährige Regimentskommandeur.

Hauptauftrag der Berliner ist die Versorgung der rund 2000 in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten und ihrer Alliierten. „Unser Anspruch ist, dass jeder Soldat im Ergebnis dieselbe ärztliche Versorgung wie in der Heimat erhält“, sagt Jörg Hillebrandt. Im Rahmen vorhandener Kapazitäten wird zusätzlich mit örtlichen Kliniken zusammengearbeitet; auch Zivilisten werden versorgt.

Auch in Berlin setzt die Truppe auf gute Nachbarschaft. Anlässlich der offiziellen Verabschiedung übernahm der Bezirk Spandau die Patenschaft für das Lazarettregiment, das bereits sein Wappen im Emblem führt. Vor dem Flug nach Afghanistan haben die Teilnehmer des Auslandseinsatzes jetzt noch Familienurlaub. Dieser wird von den Soldaten „Kuschelwoche“ genannt.

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