Berlin : Aus Wut über ein verpfuschtes Leben

Im August 2000 löste Lothar T. in der Herderstraße 6 eine Gasexplosion aus. Jetzt steht er vor Gericht

Katja Füchsel

Es wird schlecht über ihn geredet. Aber nicht heimlich, hinter seinem Rücken, sondern in aller Öffentlichkeit, in einem voll besetzten Gerichtssaal. Lothar T. stützt sich auf die Knie, versucht, den Blicken des Publikums zu entkommen. Leichte Röte schießt ihm in die Wangen, unkontrollierte Zuckungen verzerren sein Gesicht. Gutachter, Verteidiger und Gericht unterhalten sich gerade über die „Dickfelligkeit“ von Lothar T., seine Art, den Anschlag auf 32 schlafende Menschen zu verharmlosen. „Das ist erschreckend“, sagt der Gutachter. Er sieht aus, als würde er frösteln.

Lothar T. ist ein kräftig gewachsener Mann. 59 Jahre alt, mit graumeliertem Bart, die vollen Haare reichen bis zur Schulter. Es war der 14. August 2000, als der Elektroinstallateur auf sein Leben schaute und wenig Erbauliches sah. Job weg, Ehe zerrüttet, Freunde nie gehabt, Auto kaputt. Da fasste Lothar T. einen Plan, beschloss „ein Zeichen gegen die Ungerechtigkeit zu setzen“. Am frühen Morgen schlich er in den Keller seines Wohnhauses, hantierte an der Gasleitung herum, verteilte Teelichter auf dem Boden – und fuhr mit dem Fahrrad zum Bahnhof Zoo. Als um 5.40 Uhr in der Herderstraße 6 der Keller explodierte, saß Lothar T. schon längst im Zug Richtung Aachen.

Die Detonation war noch Blöcke weiter zu vernehmen. „Ein Wumms – dann ein Klirren und Knirschen“, sagte Anwohner Rainer O. Die Druckwelle fegte Schränke durch die Zimmer, Fensterglas flog aus den Rahmen, Gardinen zerrissen. Kurz vor der Explosion waren zwei Funkstreifen vor dem Altbau angekommen, die eine Postbotin wegen des Gasgeruchs alarmiert hatte. Die Explosion wirbelte die Polizisten meterweit durch die Luft, eine Beamtin erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Während sie und eine Hausbewohnerin um ihr Leben kämpften, machte Lothar T. Urlaub. Er vergaß sein verpfuschtes Leben, seine trinkende Frau, alles. Packte 70 000 Mark ein, fuhr in den Schwarzwald, nach Marseille, Ibiza, Mallorca, La Palma. „Ich rechnete mit einer Verhaftung, sie kam mir dann ganz recht“, lässt Lothar T. das schriftliche Geständnis verlesen.

Wohl fühlt sich Lothar T. derzeit auch im Gefängnis. Wo er drinnen und die feindliche Welt draußen bleibt. „Schon mein ganzes Leben hatte ich Probleme, mit Menschen in Kontakt zu treten“, schreibt der Angeklagte. Lothar T. war 32, als er bei seiner Mutter auszog, um seine erste Freundin zu heiraten. Damals gab es schon im Job die ersten Probleme, er fühlte sich gemobbt, später plagten ihn morgens so schlimme Ängste, dass er sich lieber die Treppe hinunterstürzte als zur Arbeit zu gehen. „Die anschließende Therapie hatte keinen längerfristigen Erfolg.“ Seit 1994 ist Lothar T. arbeitslos.

Seine Frau noch länger. Die gemeinsame Maisonette-Wohnung verwahrloste zusehends, fast jeder Tag brachte neuen Streit mit sich. Er schimpfte über ihre Sauferei, sie über seine Schweigsamkeit. Lothar T. war sich sicher, dass im Haus 6 „alle auf uns herabsehen“. Auf jeder Eigentümerversammlung gab es Krach, schließlich zog Lothar T. vor Gericht, stritt wegen Wasserrechnungen und Kellerkosten, vergeblich. Und dann sprang auch noch eines Morgens das Auto nicht an. „Dies kam alles so zusammen. Ich fühlte mich getrieben.“ Das klingt nicht ganz normal und ist es auch nicht. „Der Angeklagte leidet unter einer schizoiden Persönlichkeitsstörung“, sagt der Gutachter. Sein Befund kommt einem Urteil gleich: „Er ist für die Allgemeinheit gefährlich.“ Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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