Ausbildung : An vielen Hauptschülern geht der Aufschwung vorbei

Trotz besserer Wirtschaftslage gibt es nur für jeden dritten Ausbildungswilligen eine Lehrstelle. Ein Allheilmittel gegen Jugendarbeitslosigkeit gibt es aber nicht.

Die drei Jugendlichen vor der Kreuzberger Ferdinand-Freiligrath-Oberschule wollen sich inszenieren. Pornodarsteller, Gangster oder Hartz IV geben sie als ihre Zukunftspläne nach der Schule an. Ernsthafte Hoffnungen auf einen seriösen Job machen sie sich anscheinend nicht, keiner von ihnen hat sich um eine Ausbildung gekümmert. Der 17-jährige Ali steht neben ihnen. Er hatte Glück und ist über Kontakte an eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gekommen. Und dem 16-jährigen Jan-Paul haben Schulpraktika geholfen: Er hat den Ausbildungsvertrag als Einzelhandelskaufmann in der Tasche.

„Doch selbst von den motivierten kommen nicht alle unter“, sagt Eleonore Bausch von der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Das machen die Zahlen für Berlin deutlich. Knapp 30 000 Jugendliche haben sich bei der Agentur für Arbeit ab Herbst 2007 für Ausbildungsberufe gemeldet. Dem stehen aber nur etwa 10 779 Stellen gegenüber, von denen derzeit noch knapp 5000 unbesetzt sind. Somit bleiben trotz der steigenden Konjunktur etwa zwei Drittel aller suchenden Jugendlichen ohne eine Ausbildung.

Beim Kampf um einen Job kann die Schule vorbereiten. Testvorstellungsgespräche und mehrere Praktika gehören an der Kreuzberger Carl-Friedrich-Zelter-Oberschule zum Standard. Jeder Schüler bekommt einen Leitfaden für Gesprächsverhalten und Bewerbungsbögen. „Nicht die Zeugnisnoten sind das Wichtigste, sondern die Arbeitsbefähigung“, sagt Schulleiter Robert Hasse. Für dieses Ziel hat die Schule ein Leitbild entwickelt: Leistung fordern, Sozialverhalten fördern, Berufsfähigkeit erreichen. Inzwischen zeigt sich der Erfolg. Hasse kennt nur einen einzigen Schüler, der nicht weiß, wie es nach den Sommerferien weitergeht. Wer auch durch die Nachvermittlung im Herbst noch nicht untergekommen ist, kann sich aber beispielsweise um eine Stelle in der Einstiegsqualifizierung der IHK bemühen. „Das ist eine gute Möglichkeit, die aber nicht so angenommen wird“, berichtet Eleonore Bausch. Im letzten Jahr wurde nur etwa die Hälfte der Stellen besetzt.

Doch ohne eine Schule, die sie in die richtige Richtung schubst, haben es vor allem Hauptschüler schwer. Sie haben einen großen Nachteil: „Die Erfahrung zeigt, dass die Betriebe immer die höchstmögliche Ausbildung bevorzugen“, so ein Sprecher der Agentur für Arbeit Berlin. Er appelliert an die Arbeitgeber, Hauptschülern bei Bewerbungen eine Chance zu geben. Oft ergebe sich aus persönlichen Gesprächen die eine oder andere Möglichkeit. Für Suchende hat er noch einen Tipp parat. „Bei den Betrieben kommt es sehr gut an, wenn der junge Mensch einfach ohne Voranmeldung in die Firma kommt.“ Das signalisiere den Willen zur Ausbildung.

Doch auch dann haben die Jugendlichen nicht die Chance auf einen Ausbildungsplatz. „Wir brauchen eine unternehmerfreundlichere Politik in Berlin“, forderte FDP-Politiker Rainer-Michael Lehmann am Donnerstagabend in einer Parlamentsdebatte über Jugendarbeitslosigkeit. Sich allein auf die Arbeit der Fallmanager bei den Jobcentern zu verlassen, sei falsch. Und: „Ein flächendeckendes Fallmanagement und ausreichende Qualifizierungsangebote fehlen“, sagte die Grünen-Abgeordnete Clara Herrmann. Sie forderte vom Senat ein Gesamtkonzept gegen Jugendarbeitslosigkeit.

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