Berlin : Ausfahrt mit Erna

Thomas Loy

Eine Spazierfahrt mit "Erna", dem Bus des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), würde sich Charlotte Fink aus Kreuzberg gerne jeden Sonntag gönnen. Vorne sitzen die jungen Herren in den feschen blau-roten Uniformen, erzählen spannende Geschichten aus dem Alltag eines Sanitäters, hinten sitzt Charlotte und genießt. Doch leider ist die Spazierfahrt dieses Mal eine ernste Sache. Frau Fink, immerhin schon 87, will wählen, kann aber nicht mehr gut laufen. Deshalb gibt es den "Wahlschleppdienst" des ASB. Frau Fink hat ihr gutes Kostüm angezogen und die Dauerwelle auffrischen lassen. Im Wahllokal Manteuffelstraße macht sie ihr Kreuz nun dort, wo es für sie hingehört. Wäre natürlich auch per Briefwahl gegangen, aber "so ist es doch viel schöner."

Zum Thema Ergebnisse I: Stimmenanteile und Sitzverteilung im Abgeordnetenhaus
Ergebnisse II: Direktmandate im Abgeordnetenhaus
Ergebnisse III: Ergebnisse nach Regionen (Abgeordnetenhaus und BVV)
WahlStreet.de: Die Bilanz An jedem Wahltag in Berlin lässt der ASB die Wahlbeteiligung um ein paar Promille steigen. Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte und bettlägerige Menschen rufen einfach an, und schon kommen die jungen Herren und befördern sie zum Ort des demokratischen Wahlaktes. Wenn es ein muss, werden Patienten aus dem Krankenbett direkt an die Urne getragen. "Das Angebot gibt es schon, so lange ich denken kann", sagt ASB-Landesvorsitzender Peter Krehein. Ein Stück Berliner Tradition, das man auch in Zeiten knapper Kassen nicht aufgeben möchte. Viele denken, das sei eine Art Taxiservice, sagt ASB-Helfer Kay Schwiderski. Sie fragen nach dem Preis und wundern sich, dass es umsonst ist. Zum Glück steht immer eine Spendenbüchse bereit.

Im Büro des ASB-Ortsverbandes Schöneberg-Kreuzberg stapeln sich schon gegen 10 Uhr die Aufträge. Die Klassifizierung ist simpel: "Kann laufen, kann laufen mit Hilfe, kann umgesetzt werden, kann nicht umgesetzt werden." Leider gibt es viel zu wenig Einsatzfahrzeuge. Die Ortsverbands-Vorsitzende Sylvia Marquardt freut sich auf das anstehende Chaos. "Lichtenberg, dann Rudow, später Lichtenrade - das geht heute von Pontius zu Pilatus." Der Pegel in ihrem Aschenbecher steht bereits im kritischen Bereich. Um 11 Uhr meldet sich der Ortsverband in der Leit-Zentrale ab. "Rien ne va plus", flötet Uwe Kindscher in die Hörermuschel. Und er meint es ernst. "Erna" hat jetzt einen Auftrag in der Alten Jakobstraße. Dort wartet schon ungeduldig Ruth Jürgensen. Sie hat sich vor zehn Tagen das Bein gebrochen und muss unbedingt wählen gehen - schließlich ist sie seit 50 Jahren SPD-Mitglied. "Ich bin extra aus dem Urlaub gekommen." Angekommen im Wahllokal, hat sie leider keine Papiere dabei, nur einen Terminzettel vom Augenarzt mit ihrem Namen drauf. Der Wahlvorsteher lässt sich nicht erweichen. "Das nützt uns nichts." Also nochmal retour. So ein Lapsus am Wahltag würde Herrn Remer - "Remer, vorwärts wie rückwärts" - nie passieren. Schlimm genug, dass er es alleine nicht mehr bis an die Wahlurne schafft. Beim letzten Mal ging es noch. Diesmal wollte er das Risiko nicht mehr eingehen. Würde er hinfallen, wäre seine Stimme futsch. Und Herr Remer hat seine Stimme abgegeben, seit er dazu befugt ist. Nur unter den Nazis stellte er das Wählen ein. Wenn es auch mit dem Laufen nicht mehr weit her ist, das Ankreuzen geht bei den alten Leuten im Handumdrehn. Welche Partei die richtige ist, weiß man schließlich nach all den Jahren.

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