Berlin : Ausflugsdampfer der Lüfte

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Von Ingo Bach

Widerwillig beugt sich der Zeppelin der Gewalt der drei Rotoren, die ihn zu Boden zwingen. Immer wieder springt er hoch, zerrt an dem Seil, mit dem ihn ein Techniker fixiert. Nach Minuten erst kommt das Luftschiff auf dem Rollfeld des Flughafens Tempelhof zur Ruhe. Die „Bodensee“, so der des landeunwilligen Gefährts, macht wegen der Luftfahrtausstellung eine Stippvisite in Berlin.

Ihr Heimathafen ist Friedrichshafen in Baden-Württemberg, wo schon Graf Zeppelin vor 100 Jahren seine legendären Luftschiffe baute. Und auch, wenn sich die Deutsche Zeppelin-Reederei in dieser Traditionslinie wähnt, verweist sie doch auf einen entscheidenden Unterschied zu den gräflichen Konstruktionen. Der 75 Meter lange Ballonkörper der „Bodensee“ ist mit unbrennbarem Helium gefüllt, im Gegensatz zu seinen Urahnen, die von explosivem Wasserstoff in die Luft gehievt wurden - und deren Ära 1937 in einem Feuerball jäh endete. Damals, als die „Hindenburg", mit 245 Länge das größte der Luftschiffe, im Landeanflug auf das US-amerikanische Lakehurst verbrannte, und mit ihm 36 der 95 Menschen an Bord.

Vom normalen Reisen mit dem Zeppelin spricht auch 65 Jahre nach dem Unglück niemand. Die „Bodensee“ ist „nur“ ein Ausflugsdampfer - der Lüfte. In Berlin wird sie für diejenigen aufsteigen, die während eines 45-minütigen Rundfluges ihrer Stadt aufs Dach schauen wollen.

Im Gegensatz zur Landung geht der Start rasend schnell. Wie befreit bohrt sich das Luftschiff steil in die Höhe, auf 500 Meter geht es in die Besichtigungskurve. „Normalerweise fliegen wir in 300 Metern Höhe", sagt Hans-Paul Ströhle, der Pilot. Doch Berlin hält sich den Zeppelin auf Distanz - wegen des Lärms. Dieser halbe Kilometer erwies sich als Crux für die „Bodensee": Eigentlich sollte sie am 5. Mai die ersten kommerziellen Runden über Berlin drehen. Doch tagelang wollte sich die Wolkendecke nicht über diese Grenze heben, und wer will schon mit einem Zeppelin im Nebel stochern.

Irgendwann hatten die Wolken ein Einsehen und verzogen sich schließlich. Ein sonniger Tag. Durch die riesigen Luken der Kabine bietet sich ein Rundumblick auf die Stadt. Die Fenster sind so weit heruntergezogen, dass man senkrecht auf die Dächer gucken kann. Erstaunlich, wieviele begrünte Hinterhöfe es in Berlin gibt, von denen man straßenseitig nie etwas bemerkt. Auf dem Wannsee tanzen Segelboote ihren seltsamen Tanz, Motorboote machen ihnen einen langen Strich durch die Choreographie. Der Schatten der fliegenden Zigarre streicht über das spielzeughafte Modell Berlins.

Lautlos gleiten? Das nicht gerade, denn die Rotoren des Zeppelins erzeugen denselben Lärmpegel, wie ein zweimotoriges Propeller-Flugzeug. Und trotzdem ist das Erlebnis Fliegen im Luftschiff viel echter, als in jedem Flugzeug. Die Luftbewegungen teilen sich den Passagieren unmittelbarer mit. Man spürt die Auf- und Abwärtsbewegungen der Atmosphäre, Seitenböen lassen die Kabine sanft schaukeln. Bei diesen Turbulenzen würde jeder Flugzeugkapitän sofort das Signal zum Anschnallen geben, im Zeppelin darf man derweil in der Kabine herumspazieren. Wer es noch unmittelbarer haben mag, der kann seinen Kopf durch eine der beiden offenen Luken stecken, wo einem der Fahrtwind um die Ohren pfeift. Ja, Fahrtwind, denn in der Anfangszeit der Luftschiffe kam das Personal von der Marine - und deshalb fliegt man nicht, man fährt. Und zwar ein sehr teures Gefährt. 7,5 Millionen Euro kostet ein moderner Zeppelin, dafür bekommt man schon einen kleinen Privat-Jet. Hinzu kommt der hohe Personalaufwand: Insgesamt neun Leute sind für das Luftschiff ständig auf Achse. Und weil sich auch der Zeppelin am Boden bewegt, managen vier Stewards das Einsteigen der zehn Passagiere, soviel, „wie auch das Boarding eines Jumbo-Jets mit 350 Passagieren überwachen“, sagt der Marketing-Chef Oliver Schütz. Schließlich sollen die Besucher nur bildlich vom Zeppelin umgehauen werden. Der Aufwand hat seinen Preis. 335 Euro verlangt die Reederei für die Berliner Runde - pro Person. Ein teures Vergnügen, wie zu Graf Zeppelins Zeiten.

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