Berlin : Ausgeleiert

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Es ist nichts Neues, dass Wörter aus der Umgangssprache in die Hochsprache einfließen. Das war und ist in einer lebendigen Sprache so. Nur hat es mit dem Sprachgefühl zu tun, wie weit man gehen kann. Selbst Bildungspolitiker machen sich darüber offenbar kaum Gedanken.

„Hoffen wir auf die Reform, die in der Tat angeleiert wurde“, sagte Mieke Senftleben (FDP) in einer schulpolitischen Debatte des Abgeordnetenhauses. Dabei kritisierte sie „die Denke in der Berliner Verwaltung“. Auch Renate Harant (SPD) betonte: „Wir müssen hier die Blockadehaltung, die im Raum steht, auflösen.“ Ramona Pop (Grüne) fand etwas „zu spezialistisch“. Christa Müller (SPD) aber bekundete entschlossen: „Wir werden uns dieses Problems stellen!“ Wer solche Sätze hört, kann sich über Sprachtrümmer in Schulaufsätzen nicht wundern. Kinder drücken sich ja buchstäblich in ihrer Muttersprache aus.

Viel Spaß also beim Auflösen einer im Raum stehenden Haltung. Doch das nur nebenbei. Frau Senftleben wäre kristallklar verstanden worden, wenn sie nicht „die Denke“, sondern schlicht das Denken in der Verwaltung kritisiert und nicht von einer „angeleierten“ Reform geredet hätte. Es ist eine alte Leier, dass man so lange ironisch gemeinte, aber falsche Formulierungen benutzt, bis sich diese in der Schriftsprache einnisten. Von der griechischen Lyra ist nicht nur die Leier, sondern auch die poetische Lyrik abgeleitet. Und aus der Drehleier, die mit Hilfe einer Kurbel mechanisch betrieben wurde, entwickelte man den Leierkasten. Etwas immer wieder bis zum Überdruss Gehörtes ist eine alte Leier. So klingen die Reden mancher Parlamentarier sogar dann, wenn sie stolz darauf sind, dass sie etwas Neues „angeleiert“, also in Gang gesetzt haben.

Jugendliche leiern eine Party an. Erwachsene hängen dem Irrglauben an, sie müssten Anleihen beim Jugendjargon nehmen, um das Ohr von Jugendlichen zu erreichen. Fraktionschef Volker Ratzmann (Grüne) philosophierte neulich in einer Debatte zur Integrationspolitik darüber, was europäische Jugendliche verbindet, zum Beispiel, dass sie die gleichen „Klamotten“ tragen. Nun sind Klamotten zerbrochene Mauersteine. Im übertragenen Sinne stehen Klamotten für alte Kleidungsstücke, in der Jugendsprache für Kleidung schlechthin.

Das Wort „spezialistisch“ gibt es überhaupt (noch) nicht. Eine Spezialität ist eine Besonderheit. Ein Spezialist ist ein Fachmann mit seinen Spezialkenntnissen. Speziell bedeutet besonders, hauptsächlich, eigens. Wieso sollten spezielle Fragen spezialistisch sein? Gut, dass sich Politiker aller möglichen Probleme annehmen, im Genitiv. Aber im Dativ müssen sie sich den Problemen stellen, am besten auch den sprachlichen.

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