Berlin : Ausgerechnet die Engagierten bleiben auf der Strecke

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Betrifft: Schule/Alte Kämpen

Ich bin Mutter eines 15-jährigen Sohnes und einer fünfjährigen Tochter. Mein Sohn und ich haben die besagten Neunziger hautnah erleben dürfen. Zu seiner Einschulung gab es noch eine Klassenleiterin, nach einem Jahr hatte die Klasse eine dauerkranke Lehrerin, die im besten Lebensalter stand und trotzdem durch dauernde Überforderung erkrankte. In der dritten Klasse teilten die Kinder sich die Klassenleiterin mit der Nachbarklasse, bis die Frau erkrankte. Wohlgemerkt, ich spreche hier von engagierten Lehrern. Der Stundenausfall war so immens, dass wir Eltern überlegten, eigene Lehrer einzustellen oder uns abzuwechseln. Die Sache ging bis zum Schulrat. Dann kam endlich zur vierten Klasse hin eine Aspirantin, die die Klasse dann auch übernahm. Geschehen im schönen Wilmersdorf. Den fehlenden Lernstoff haben die Kinder nie ganz nachholen können. Mein Sohn hatte in der zweiten Klasse schon keine Lust mehr auf Schule – wie auch? Der Unterricht bestand aus Warten auf Lehrer, die von einer Klasse zur nächsten hetzten. Erst jetzt, in der neunten Klasse, platzt so langsam der Knoten.

Wie vielen Kindern ist Ähnliches passiert, und die Eltern konnten nicht helfen – warum auch immer. Nun sind unsere Schüler nicht mehr die gebeugten Untertanen der Fünfziger und Sechziger, sondern Menschen, die sich durchaus bewusst sind, wer was wie zu Ihnen sagt. Und sie reagieren entsprechend eines (manchmal zu) wachen Selbstbildes darauf. Das heißt, ein Lehrer der alten Schule, die wir noch mitunter erleben durften, hat mit seinem Frontal- und Diziplinierungsunterricht weniger Erfolg als ein Kollege, der mit den Kindern konsequent arbeitet. Da kann ich mir vorstellen, ich habe auch in Berlin die Schulbank gedrückt, dass Jugendliche eher auf fast gleichaltrige Lehrer positiv reagieren.

Es sind aber noch immer die Engagierten, die ausgebeutet und weggeworfen werden, der Rest bildet nur die statistische Lehrkörperzahl – damit wir unseren „Plan“ erfüllt bekommen.

Bettina Piwon, Schöneberg

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