Ausgezeichnete Bürgerstiftungen : Mut zu tun

Bürgerstiftungen bauen Brücken zum Engagement – dafür haben sie sich Auszeichnungen verdient. Auch der neue Bundespräsident Joachim Gauck will zur Ehrung kommen..

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Anerkennungskultur kann manchmal leider auch langweilig sein. Die Gefahr der langatmigen Präsentation ist allgegenwärtig. Man erkennt das daran, wenn im Publikum nach Ablauf der ersten Stunde die Zahl der gezückten Smartphones minütlich wächst. Trotzdem kann man gerade bei der Verleihung des Förderpreises Aktive Bürgerschaft, die schon fast traditionell Mitte März in der DZ Bank am Pariser Platz stattfindet, sehr gut beobachten, wie das Land immer besser wird.

Mit dabei war diesmal die Juniorengedächtnisweltmeisterin Christiane Stenger. Die 24-Jährige erzählte, wie sie als Jugendliche mal überhaupt keine Lust mehr hatte auf Schule. Durch einen Kursus zum Gedächtnistraining überwand sie die Lethargie und das Problem mit der Schule. Mit 16 machte sie Abitur und hilft heute in Seminaren und mit Vorträgen anderen, ihr Gedächtnis zu verbessern. Sie ehrte die Bürgerstiftung Lilienthal, die mit naturwissenschaftlichen Mitmach-Stationen bei Kindern, denen es ähnlich geht wie ihr damals, die Freude an Fächern wie Physik weckt. Deren liebstes Spiel ist „Der langsamste Weg“. Dabei muss man eine Kugel eine schiefe Ebene runterrollen lassen, aber so langsam wie möglich. Wie das am besten zu bewerkstelligen ist, darüber diskutieren auch Kindergartenkinder schon mit viel Verve. Eltern, Lehrer und Jugendliche bauen die Stationen.

Eine Probe ihrer eigenen Kunst gab Christiane Stenger, indem sie sich kurz einprägte, welche Bürgerstiftungen in früheren Jahren gewonnen haben – und sie rückwärts aufsagte. Im vergangenen Jahr zählte die Stiftung Barnim Uckermark dazu, und ihre Eselsbrücke, um sich den Namen zu merken, beschrieb die Weltmeisterin auch: „Ich stelle mir eine Bar vor, von der man etwas nimmt.“ In der Kategorie „Mitstiften“ wurde die Bürgerstiftung Heilbronn geehrt, die es schaffte, in nur fünf Monaten 900 000 Euro für die Sanierung eines Kinder- und Jugend-Freizeitzentrums zusammenzubringen. Da kam der mit 10 000 Euro dotierte Förderpreis gerade noch recht.

Die Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios, Bettina Schausten, hob in ihrer Laudatio auf die Bürgerstiftung Wiesbaden die Möglichkeiten der Qualitätssteigerung hervor, die eine kostenlose Weiterbildung für Ehrenamtliche bringt. Im Bürgerkolleg kann man dort unter anderem lernen, wie man Vereinsfinanzen korrekt verwaltet. Die Bürgerstiftung Hellweg-Region lobte der Jurist und Mitbegründer der Bewegung, Christian Pfeiffer, für die Synergieeffekte, die sich erzielen lassen, wenn man viele kleine Stiftungen untereinander in Kontakt bringt.

Auch das Engagement verändert sich, darüber gab es bei allen Beteiligten Einigkeit. Der Historiker Paul Nolte bekundete seinen Respekt vor den Wutbürgern, die nicht nur Mutbürger, sondern am Ende auch Tu-Bürger werden müssten. Zwar wird Zeit immer knapper, aber dafür das Engagement auch fröhlicher. Das könnte auch Gutes für die Anerkennungskultur bedeuten. Zeitlich gestraffte und fröhlichere Zeremonien könnten am Ende mehr Raum zum direkten Austausch schaffen.

Am heutigen Donnerstag geht es schon weiter mit den Preisen für ausgezeichnete Bürgerstiftungen. Im Ideenwettbewerb der Herbert-Quandt-Stiftung und der Initiative Bürgerstiftung gibt es jeweils 10 000 Euro für Beiträge, die es 2011 in besonders guter Weise geschafft haben, Brücken zwischen sozialen Milieus zu bauen. „Kohle für Coole“ heißt ein Projekt der Bürgerstiftung Barnim-Uckermark, bei dem 120 Schüler im Rahmen eines sozialen Tages Spendengelder geworben haben. In Halle haben unter dem Motto „6x Neuland“ Kinder ihre eigene Umgebung künstlerisch verarbeitet und sie Kindern aus anderen Stadtteilen gezeigt. „Dialog bringt Beschäftigung“, heißt ein Projekt in Schaumburg, das Langzeitarbeitslose ins Gespräch mit Arbeitgebern der Region bringt.

Spannung garantiert bei der Preisverleihung in der Kulturbrauerei ein besonderer Gast: Für Bundespräsident Joachim Gauck ist es noch vor der offiziellen Vereidigung einer der ersten Termine. Das kann man sicher auch als Statement werten. Elisabeth Binder

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