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Ausharren in der Hitze : Hilfewelle für Flüchtlinge vor Lageso rollt an

Bei großer Hitze warteten am Donnerstag hunderte Flüchtlinge vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Die Wasserbetriebe und viele Freiwillige verteilten Trinkwasser, auch Supermärkte spendeten Erfrischungen. Auch heute wollen wieder viele helfen.

von , , und Anna Graefe
Ausharren in der prallen Sonne. dpa
Ausharren in der prallen Sonne.Foto: dpa

Hunderte Flüchtlinge warten seit Tagen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Moabit, um einen Termin für einen Abfertigungsschein zu bekommen. Neben der Warterei ist ein weiteres Problem die Hitze. Schon am Donnerstag versorgten Freiwillige die Flüchtlinge mit Wasser und Obst.

Auch am Freitag, es sollen 40 Grad werden, wollen Freiwillige wieder Spenden vorbeibringen. Um 11 Uhr gibt es ein Koordinationstreffen. Wenn Sie mithelfen wollen: hier finden sie Infos darüber, was besonders benötigt wird. Ein einziger Wasserhahn soll auf dem Gelände stehen.

Die Situation ist laut einer Tagesspiegel-Reporterin unübersichtlich. Seit 10 Uhr ist der Caritas mit einem Arztmobil und vier Personen vor Ort. Bis jetzt soll es keine größeren Zwischenfälle durch die Hitze gegeben haben. Zwei Kinder wurden wegen Windpocken behandelt.

Die Facebook-Gruppe "Moabit hilft" ruft weiter zu Wasser-, Obst- und Erfrischungstücher-Spenden auf, damit die Menschen notversorgt werden können. Wenn Sie die Menschen vor dem Lageso unterstützen möchten, finden Sie sie in der Turmstraße 21, U9 Turmstraße. In der Gruppe gibt es auch immer wieder Updates zur Situation vor Ort.

Aber nicht nur vor Ort kann geholfen werden. Ein mobiler Spendensammeldienst in den Innenstadtbezirken wurde eingerichtet. Die Auflistung der Orte finden Sie hier.

Es sind derzeit mehr als 400 Flüchtlinge, die jeden Tag in Berlin ankommen. Sie machen sich auf den Weg zur Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Moabit an der Turmstraße 21, um einen Platz in einem Erstaufnahmelager zu bekommen. Obwohl das Personal erheblich aufgestockt wurde, kommen die Mitarbeiter des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) teils angesichts des Ansturms nur schwer mit der Arbeit nach.

Nach Tagesspiegel-Informationen werden inzwischen gegenüber den Wohlfahrtsverbänden teils nicht mehr die verschiedenen Behördenvordrucke mit detaillierten Angaben zur Person für die Unterbringung verwendet, sondern in der Not Zettel weitergereicht: Bitte Platz für 18 Menschen schaffen. Das Deutsche Rote Kreuz baut nun ein Gebäude in Karlshorst zur Erstaufnahmestelle aus.

Die Stadtmission baut spontan auf eigene Kosten eine Kühlung in die Traglufthalle in Moabit ein. Die Sprecherin der Stadtmission, Ortrud Wohlwend, sagte auf Anfrage, man werde prüfen, wie man spontan von sich aus in der Turmstraße helfen könne, möglicherweise könnten arabischsprachige Ehrenamtliche und Freiwillige mit Erste-Hilfe-Kenntnissen die Menschen vorübergehend betreuen. Nach Informationen des Tagesspiegels soll möglicherweise auch der Arbeiter-Samariter-Bund vor dem Lageso Menschen versorgen.

Unterdessen machte sich eine Tagesspiegel-Mitarbeiterin am Donnerstag spontan zur Turmstraße auf, um wie viele andere Ehrenamtliche dort Wasser vorbeizubringen. Was sie dort erlebte?

"Macht die Folie lieber schon mal ab, bevor ihr reingeht", warnt uns ein junges Pärchen freundlich vor, als wir das Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) betreten. Wir wollen Wasser zum LaGeSo bringen und tragen jeder drei Sixpacks im Arm. Es wird dringend gebraucht, habe ich tagsüber in der Redaktion erfahren. Von dutzenden, wenn nicht hunderten Flüchtlingen, die vor der Zentralen Aufnahmeeinrichtung des Landes Berlin für Asylbewerber gestrandet sind und darauf warten, Asyl beantragen zu können.

In diesen Tagen bedeutet es außerdem: Ausharren bei 35 Grad Celsius. Auch noch am späten Donnerstagnachmittag, nach einem ganzen Tag in der Bruthitze.  Überall, wo etwas Schatten ist, kauern Flüchtlinge, hinter Büschen ragen die nackten Beine einer schlafenden nordafrikanischen Familie hervor. Manche Frauen tragen Kopftuch. Vor allem sind sie alle sichtlich erschöpft. Sie liegen auf dem zunehmend zugemüllten Boden, schlafen auf der nackten Erde und versuchen, ihre Kräfte zu sparen. Denn es soll am Freitag noch heißer werden.

Ein einziger Wasserhahn

Die Wasserversorgung läuft über einen einzigen Wasserhahn, der im Dauereinsatz ist, aber bei weitem nicht die erforderliche Leistung erbringen kann. Während wir über die Zufahrt laufen, schließen wir uns anderen privaten Helfern an. Sie schieben einen Einkaufswagen voll mit Wasserflaschen und einen voll mit Äpfeln, Orangen und Nektarinen vor sich her. Wir alle sind spontan gekommen, niemand koordiniert die Verteilung der Spenden. Schon jetzt kommen uns die ersten Kinder entgegengelaufen, schnell werden es mehr.

Es wird kaum gesprochen, alles passiert still und fließend, wie auf ein geheimes Zeichen hin. Wir verteilen die ersten Halbliter-Flaschen. Dann versuchen wir weiterzugehen und leeren unsere restlichen Flaschen in den Einkaufswagen. Denn wir verstehen: Mit den Paketen in der Hand werden wir nicht weit kommen, zu groß ist der Durst. 

Supermärkte haben zwar Getränke gespendet und die Berliner Wasserbetriebe waren nachmittags auch da. Dennoch reichen die Vorräte einfach nicht aus. Wir kommen nicht einmal bis zu dem baumumstandenen Vorplatz des LaGeSo, da ist unser Einkaufswagen schon leer. Kinder haben uns mit großen Augen die Flaschen aus den Händen gerissen. Die Jungen sind am geschicktesten und laden sich die Arme voll für ihre Geschwister und Eltern.

Sie nehmen, was sie kriegen können

Männer stehen mit flehenden Augen vor uns und murmeln schüchtern „Danke“. Manche sprechen Deutsch und fragen, ob es auch Wasser ohne Kohlensäure gibt - und nehmen am Ende, was sie kriegen können. Mütter versuchen, mit ihren Babys im Schatten zu bleiben und können deshalb nicht bis zum Einkaufswagen durchdringen.

Eine junge Frau hat Wasser und Brot dabei und erkennt ihre Lage sofort. Sie spricht zuerst die Mütter unter den Bäumen an und verteilt dann die restlichen Brotlaibe an Kinder und Männer, die viel forscher auf uns zukommen als die Frauen.

In den nächsten Tagen wird es noch heißer

Ein bisschen hilflos stehen wir Moabiter am Ende der Zufahrt. Lächeln, versuchen freundlich zu wirken und gestehen einander, wie fassungslos uns dieser Anblick macht. Zwischen den Wellenbrechern vor dem Eingang zum Amt sehen wir immer noch zahlreiche Menschen in Schlangen stehen.

Sie werden wohl hier übernachten müssen. Es ist keinerlei Vorsorge für diesen Fall getroffen. Außer zwei offenen und überdies recht kleinen Zelten gibt es keine Einrichtungen, die den Menschen Schutz bieten. Es sind keine Hilfsorganisationen oder Wohlfahrtsverbände vor Ort. Es soll in den nächsten Tagen noch heißer werden in Berlin.

Die Facebook-Gruppe "Moabit hilft" ruft zu Wasser-, Obst- und Erfrischungstücher-Spenden auf, damit die Menschen notversorgt werden können. Wenn Sie die Menschen vor dem Lageso unterstützen möchten, finden Sie sie in der Turmstraße 21, U9 Turmstraße.

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