Berlin : Ausladendes Dach, einladende Geste

Stephan Braunfels, Münchner Architekt der Bürogebäude am Bundestag , entwirft für das Bundesarchiv eine hellrote Gebäudeskulptur

Bernhard Schulz

Kein Sichtbeton, keine Stützen: Der 41 Millionen Euro teure Neubau, den Stephan Braunfels für das Magazin des Bundesarchivs plant, wird sich sichtbar von seinen bisherigen Bauten unterscheiden. Das liegt an der andersartigen Bauaufgabe: Bisher hatte Braunfels im Wortsinne öffentliche Bauten entworfen, vor allem die Büro- und Ausschussgebäude des Bundestages zu beiden Seiten der Spree sowie die Pinakothek der Moderne in München. In Lichterfelde aber geht es um einen geschlossenen Behälter für licht- und klimaempfindliches Archivgut.

Braunfels spricht von einem „riesigen Schrein“ – und um den Eindruck des Blockhaften aufzubrechen, lässt er die oberen drei Magazingeschosse weit auskragen und über dem aus dem Gebäude ausgeschnittenen Eingangsbereich schweben. Die Verbindung zu den denkmalgeschützten Altbauten stellt ein zweigeschossiger, gläserner Gang her, über den die künftigen Lesesäle mit den angeforderten Archivalien versorgt werden. Gleichzeitig bleiben alle Bauten als Solitäre optisch voneinander getrennt und der Blick in die weiträumige Parklandschaft erhalten. „Diese Dialektik von Offenheit und Geschlossenheit wurde zum Hauptthema“, erläutert Braunfels den Entwurf für das 27000 Quadratmeter Hauptnutzfläche und 145000 Kubikmeter umbauten Raumes messende Bauwerk.

Der Haupteingang zum Bundesarchiv wird künftig in der dem Archivgebäude vorgelagerten Glaspassage liegen. Der Besucher wird also nicht frontal auf den Neubau zugehen, sondern als ersten Eindruck von der Seite her die vorspringende Gebäudeecke der auskragenden Obergeschosse wahrnehmen. In dieser „einladenden Geste“ sieht Braunfels, der Münchner mit Berliner Bürodependance, die Aufgabe des Bundesarchivs symbolisiert, das „sicher verwahrte Archivgut jedermann zugänglich zu machen“.

Bei der Gebäudetechnik sucht der 53-jährige Architekt gleichfalls neue Wege. Um eine aufwändige – und im Betrieb teure – Klimaanlage zu vermeiden, wird das Gebäude eine zweischalige Fassade erhalten: innen Beton, außen Naturstein, dazwischen aber eine 25 Zentimeter breite Luftschicht als Temperaturpuffer. Diese Konstruktion sei selbst massivem Ziegelmauerwerk überlegen, nicht zuletzt, weil ein entsprechend leistungsfähiges, mindestens 80 Zentimeter dickes Mauerwerk „drei bis vier Jahre zum Austrocknen“ benötigen würde. Als Material der Natursteinverkleidung wünscht sich Braunfels einen hellroten Sandstein, nicht glatt, sondern mit reichem Oberflächenrelief „wie bei der Indischen Botschaft“. In Lichterfelde entsteht eine markante Gebäudeskulptur.

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