Berlin : Ausländische Lehrer an Europa-Schulen in Berlin werden unangemessen bezahlt

Peter Schneider

Der Regierungsumzug fand irgendwann statt und es ist, als wolle das Septemberwetter ein Ereignis feiern, das bisher vor allem von den Zugezogenen begossen wurde. Berlin sieht jeden Tag ein bisschen mehr wie eine Hauptstadt aus. Aber wer auf die Bereitschaft der Behörden gesetzt hat, die neuen Wände mit metropolitanem Leben zu füllen, erlebt seltsame Überraschungen. Auch nach dem Kuss der Prinzen aus Bonn wird es wohl noch eine Zeit dauern, bis das preußische Röschen aus seinem Mauerschlaf aufwacht.

Was bietet die Stadt Berlin, die sich gern als die Kapitale Europas sieht, Eltern, die auf eine internationale, eine nicht nur deutsche Ausbildung ihrer Kinder setzen? Die zuständigen Behörden widmen sich dieser Aufgabe im Tempo einer Kreishauptstadt, die neidisch ist auf die schimmernde Metropole, die sich in ihrem Innern breitmacht. Das alte Berlin, so scheint es, kämpft mit heruntergeklapptem Visier gegen das noch nicht ganz aus dem Ei geschlüpfte neue.

Es gibt in Berlin zwei staatliche, englisch-deutsche Europa-Grundschulen, außerdem acht weitere Europa-Schulen, an denen andere "Partnersprachen" (darunter Türkisch, Französisch, Spanisch, Italienisch) unterrichtet werden. Die englisch-deutschen Schulen verfügen ungefähr über 450 bis höchstens 480 Plätze; die Hälfte dieser Plätze ist für Kinder vorgesehen, deren Muttersprache Deutsch ist. Ein gutes, ein weitsichtiges Konzept, das sich in sieben Jahren bewährt hat und selbstverständlich nicht nur für Schüler und Eltern aus dem englischen Sprachraum attraktiv ist. Nicht von ungefähr sehen viele deutsche Eltern in den Europa-Schulen eine Zukunftschance für ihre Kinder. Was soll eine gemeinsame Währung nützen, wenn die Bürger des neuen Währungsraums bei der Verständigung auf die Zeichensprache angewiesen bleiben?

Der Andrang auf die knappen Plätze an diesen Schulen ist so gewaltig, dass Listen mit jahrelangen Wartezeiten entstanden sind. Man sollte meinen, dass die Stadt stolz ist auf ihr Pilot-Projekt und auf das überwältigende Interesse, das es findet. Stattdessen überläßt sie es den Kleinkriegen zwischen Modernisierern und Betonköpfen in der Senatsschulverwaltung und einer diskriminierenden Honorar-Politik, die die ausländischen Lehrer erst auf die Barrikaden und dann zur Kündigung treibt. Ausgenommen von dem kleinkarierten Gerangel ist einzig der einsame Star unter den internationalen Schulen, die John F. Kennedy-Schule. Sie genießt einen Sonderstatus, der sich nicht nur den besonderen deutsch-amerikanischen Beziehungen, sondern auch einem kräftigen Zuschuss des State Department verdankt. Die "sensationelle" Folge dieses Sonderstatus besteht darin, dass sie den Lehrern Gleichstellung gewährt: Amerikanische Lehrer bekommen für die gleiche Arbeit das gleiche Gehalt wie ihre deutschen Kollegen.

Von einer solchen Gleichstellung können die ausländischen Lehrer an den Europa-Schulen bisher nur träumen. Sie erhalten für die gleiche Arbeit bis zu 30 Prozent - einige sprechen von bis zu 40 Prozent - weniger Gehalt. Nun gut, Deutschland muss sparen, und man weiß, dass die einzige Wachstumsbranche in Berlin die Schwarzarbeit ist, die bekanntlich durch Arbeitskräfte aus den Billiglohnländern gespeist wird. Warum nicht auch Schwarz-Lehrer aus England, Spanien, Portugal und Italien einstellen? Allerdings muss jeder private Arbeitgeber in Berlin, der unter Tarif bezahlt und erwischt wird, mit einer Anzeige rechnen. Nicht so ein öffentlicher Arbeitgeber namens Schulsenator.

Wer sich nach den Gründen für die Ungleichbehandlung ausländischer Lehrer in den Europa-Schulen erkundigt, erfährt, dass sie erstens nicht vorkommt und zweitens dort, wo sie vorkommt, völlig rechtens sei. Es sind im Wesentlichen zwei, von den Rechtsbeiständen der Schulverwaltung formulierte Gründe, die die Diskriminierung ausländischer Lehrer in Berlin als geboten erscheinen lassen. Nehmen wir den Fall eines Grundschullehrers aus England. Die Behörde macht geltend, dass eine vergleichbare Ausbildung deutscher Lehrer drei Semester länger dauere. Außerdem verlangt sie ein Hochschuldiplom über Deutschkenntnisse. Was mich betrifft, so halte ich es für wünschenswert, dass ich mich mit einem in Berlin angestellten englischen Lehrer in der Landessprache unterhalten kann. Man mag ihn mit Liebesentzug für mangelnde Deutschkenntnisse bestrafen.

Etwas ganz Anderes ist es, diesen Mangel mit Gehaltsentzug zu ahnden. Denn es gehört ausdrücklich nicht zu den Pflichten eines "native Speakers", sich seinen Schülern im Englisch-Unterricht oder in anderen Fächern durch Übersetzungen schwieriger Wörter verständlich zu machen. Das wäre sogar ein Kunstfehler. Er ist gehalten, solche Begriffe in der Unterrichts-Sprache zu umschreiben. Umgekehrt verlangt niemand von einem deutschen Kollegen, der englisch-sprachige Kinder in Deutsch oder Mathematik unterrichtet, sich durch ein Hochschuldiplom in Englisch auszuweisen.

Kommen wir zum zweiten Punkt, zum Unterschied in der Ausbildung. Das Argument hat einen gewissen Charme, beweist es doch die Fürsorge der Schulsenatorin für die unter ihrer Aufsicht ausgebildeten Berliner Lehrer. Würde es nicht tatsächlich auf eine Diskriminierung der deutschen Kollegen hinauslaufen, wenn sie, die eineinhalb Jahre länger in deutschen Ausbildungsstätten schmachten mussten, auf ihrem Gehaltszettel dieselbe Summe vorfänden wie die fixeren englischen Kollegen? Man glaubt, das spontane Zähneknirschen und Kieferknacken sämtlicher deutschen Volksschullehrer zu hören. Aber seltsam, geknirscht wird vor allem in den Bürozimmern der Senatsschulverwaltung. Viele deutsche Lehrer an den Europa-Schulen tragen den Protest ihrer ausländischen Kollegen mit.

Über die Meriten der deutschen Ausbildung lässt sich nämlich durchaus streiten. "Is German teaching superior?", fragte die "London Times" in ihrer Beilage, "Times Educational Supplement". Steven Lange, der sowohl das deutsche wie das englisch-amerikanische Ausbildungswesen kennt und seine Ausbildung in Deutschland abgeschlossen hat, kommt zu folgendem Ergebnis: "Deutschland hat viele ausgezeichnete Lehrer, und an den Europa-Schulen haben wir mehr solcher Lehrer, als uns eigentlich zusteht. Aber ich behaupte, dass fast alle, die durch die deutsche Ausbildung gegangen sind, ihre praktischen Fertigkeiten nicht während ihrer Ausbildung, sondern auf eigene Faust erlernt haben. In meinen fast zwei Jahren als Studienreferendar (in Deutschland) waren meine Fähigkeiten, eine Klassenarbeit aufzugeben und zu korrigieren, wenig gefragt; ebenso wenig meine Eignung, Berichte zu schreiben, mit den Eltern zu kommunizieren oder schwächeren Schülern zu helfen, die Grammatik zu lehren oder Ausflüge und Projekte zu organisieren. Nicht, dass ich nicht beschäftigt gewesen wäre! Für den (deutschen) Studienreferendar hängt alles von ein paar, unter Aufsicht abgehaltenen Lehrstunden ab, für die er lange Lehrpläne schreiben und jede Unterrichtsphase mit Hilfe einer aufgeblasenen Terminologie beschreiben muss."

Es kann nicht ausbleiben, ganz im Gegenteil, es sollte erwünscht sein, dass an Schulen, die auf interkulturelles Lernen setzen, unterschiedliche Erfahrungen und Prioritäten in der Art des Unterrichtens zu Wort kommen. Im Übrigen sieht das EU-Recht vor, dass Arbeitnehmer aus der EU für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten wie die Einheimischen. Einstweilen scheinen die Administratoren des alten Berlin entschlossen, solchen Vergleichen auszuweichen und die ausländischen Lehrer preußische Mores zu lehren. Willkommen ihr native Speakers, von überallher! Aber erst einmal müsst ihr, bei Strafe einer Gehaltskürzung, Europäer nach unserem Gusto werden und ein bisschen nachsitzen! Und wenn ihr deswegen Beschwerden habt, habt ihr gefälligst vorher die Pressestelle der Schulsenatorin um Erlaubnis zu fragen!

Es kam, wie es kommen musste, nämlich zu filmreifen "interkulturellen" Zusammenstößen ausländischer Lehrer mit den Berliner Schulbehörden. Die Bezahlung englischer Lehrer, so erfuhr einer der Protestierer, dürfe weder mit den Eltern noch mit irgendwelchen Journalisten erörtert werden. Das seien Dienst-Interna, die der Schweigepflicht unterlägen. In seinem ausländischen Zorn verstieg sich der Zurechtgewiesene zu einer prinzipiellen Mitteilung: Er sei ein freier Mann, nicht unter Franco oder sonst einer Diktatur aufgewachsen, und rede wann immer und mit wem er wolle.

Aber es sind nicht nur die ausländischen Lehrer, die sich von ihrem Berliner Arbeitgeber in eine absurde Konkurrenz zu ihren einheimischen Kollegen getrieben sehen. Auch das Zukunftspropjekt "Europaschule" selber wird gleichsam nur hinter dem Rücken der herkömmlichen deutschen Schulen betrieben. Die Charles-Dickens-Europa-Schule zum Beispiel, die sowohl deutsch-wie englisch-sprachige Schüler aufnimmt, darf nur als Zweig einer deutschen Grundschule gleichen Namens auftreten. Wenn es nicht beabsichtigt war, so war es vorhersehbar: Es gibt endlose Reibereien zwischen dem vermeintlich zurückgesetzten deutschen und dem vermeintlich elitären deutsch-englischen Zug, die nach dem Gesetz inkompatibler, auf dem gleichen Ort angesiedelter Institutionen nur mit einer feindlichen Übernahme der einen durch die andere enden können. Wozu der Unsinn?

Warum darf es in Berlin nicht Europa-Schulen geben, die diesen Namen verdienen, und deutsche Schulen, die keine Europa-Schulen sind? Offensichtlich braucht man beide. Und warum muss die Europa-Charles-Dickens-Schule Kindern, die von der ersten Klasse an zwei Sprachen zu bewältigen haben, bereits in der fünften Klasse obligatorisch eine weitere Sprache und in der neunten noch eine vierte zumuten? Sollen alle Europa-Schüler Dolmetscher werden? Was ist mit denen, die eher für Mathematik, Physik und Chemie begabt sind? Sollen sie für das Privileg, an einer zweisprachigen Schule aufzuwachsen, mit Analphabetismus in den Naturwissenschaften bezahlen? Und besteht nicht die Gefahr, dass sie angesichts eines solchen Übersolls an Fremdsprachen am Ende Defizite in ihrer Muttersprache aufweisen?

Das alles könnten ganz normale, sogar schöne Übergangskrankheiten einer Stadt sein, die dazu herausgefordert ist, sich neu zu entwerfen. Sie könnten aber auch bösartig entarten, wenn es sich bei den zuständigen Ärzten um Beamte handelt, die gar nicht wissen wollen, dass sie Neuland betreten und jeden Hinweis darauf, dass sie sich womöglich irren, als eine unerhörte Zumutung empfinden.Der Autor ist Schriftsteller.

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