Berlin : Ausstellung zu DDR-Grenzanlagen im Kanalsystem

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Wie die Mauer errichtet wurde, ist dokumentiert: Erst ließ die DDR Stacheldraht ziehen und dann einen Steinwall. Fenster und Türen, die in Richtung Freiheit gingen, wurden verbarrikadiert. Doch auch unter der Erde wurde jedes Schlupfloch geschlossen. Wenig bekannt ist, dass das Ministerium für Staatssicherheit ab Herbst 1961 auch Dutzende von Abwasserkanälen verriegeln ließ: Unter Bewachung bauten Wasserwerker Barrikaden, Gitter und Signaldrähte ein.

Wie diese "unterirdische Grenze" genau aussah, zeigt nun eine Ausstellung der Berliner Wasserbetriebe. Mit Fotos, Schautafeln, Dokumenten aus der Gauck-Behörde und dem letzten ausgebauten Kanalgitter wird hier dokumentiert, welche technische Probleme die Teilung einer Stadt in der Kanalisation aufwarf: So kam es durch die Absperrungen immer wieder zu Verstopfungen. Zu Fluchtzwecken taugte die Kanalisation nur bis wenige Wochen nach dem Mauerbau. Ein Foto zeigt Volkspolizisten, die auf der Suche nach Grenzdurchbrechern mit Atemschutzgeräten in einen Abwasserschacht steigen. Im September 1961 begann die "massive Vergitterung".

Begehbare Kanäle wurden erst mit Stacheldraht gesichert, dann wurden Metallstangen ein- oder Mauern hochgezogen. Bis 15. November waren 41 Kanäle zumindest für Menschen unpassierbar gemacht, heißt es in einem internen Papier von damals. Das war das Gros der unterirdischen Ost-West-Verbindungen. In den 70er Jahren wurden Absperrungen mit Eisenbahnschienen verstärkt, drehbare Rohre eingebaut, die Sägen keinen Angriffspunkt gaben. Signaldrähte führten in die Wachtürme an der Mauer.

Für das Abwasser und die Fäkalien war der deutsch-deutsche Grenzverkehr unter dem Pflaster der Stadt aber nie unterbrochen. Was in einem West-Berliner Ausguss verschwand, floss häufig unter der Mauer zu einem Ost-Klärwerk und umgekehrt: Im 1873 angelegten und mittlerweile etwa 8600 Kilometer langen Kanalsystem der Stadt gibt es etliche Teilnetze, in denen das verschmutzte Wasser jeweils von den Haushalten zu einem tiefsten Punkt fließt, von wo es mit Pumpen zum Klärwerk befördert wird. Wie diese Netze gebaut sind, hängt von geografischen Gegebenheiten ab, nicht von Bezirks- oder Zonengrenzen.

1983 beschloss das SED-Politbüro jedoch, dem subversiven Abwasserverlauf ein Ende zu machen. Kein Tropfen sollte mehr von Ost nach West gelangen, sämtliche Verbindungen unterbrochen und bis 1990 durch ein unabhängiges Kanalsystem ersetzt werden. Die Arbeiten wurden aus bekannten Gründen nicht beendet.Die unterirdische Grenze. Sonderausstellung des Museums im Wasserwerk, Müggelseedamm 307. Geöffnet mittwochs bis sonntags von 10 bis 15 Uhr. S-Bahn bis Friedrichshagen, dann Straßenbahn 60 bis Wasserwerk.

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